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Das römische Syrien: 2010

Syrien: Hier begann der römische Orient. Im Jahr 64 v. Chr. erobert Pompeius einen breiten Küstenstreifen am östlichen Rand des Mittelmeeres und macht daraus die aufstrebende und wohlhabende römische Provinz Syria. Umgeben von Klientelstaaten und in direkter Nachbarschaft zu den feindlichen Parthern. Varus ist hier um Christi Geburt Statthalter und Zeitgenossen sagen über ihn, als armer Mann betrat er das reiche Syrien, als reicher Mann verließ er das arme Syrien. Bald darauf stirbt Varus zusammen mit 20.000 Legionären in den Wäldern Germaniens. 700 Jahre wird Rom, später Konstantinopel über den Nahen Osten herrschen.

Syrien – das römische Damaskus

Damaskus entwickelt sich unter den Römern zum Handelszentrum und zur Metropole. Marcus Antonius verschenkt die älteste durchgehend bewohnte Stadt der Welt zwar für kurze Zeit an seine Geliebte, die ägyptische Königin Cleopatra, doch unter Kaiser Trajan kommt die Stadt zurück ins römische Reich. Der Architekt Apollodor von Damaskus wird ein berühmter Sohn der Stadt, nur wenigen bekannt sein wird Marco Aurelio Silvano, auch er ein gebürtiger Damaszener. Das römische Erbe ist in Damaskus heutzutage nicht mehr ganz so sichtbar wie in anderen Städten. Doch Spuren findet man immer noch: Betritt man den bekanntesten Basar der Stadt, den Souk al-Hamediya, schreitet man schon über eine Römerstraße. Bald sieht man auch Reste des Jupitertempels. Auf seinem Boden wurde später die Umayyaden-Moschee errichtet, islamisches Weltwunder und ewige Baustelle. Unweit der Moschee und parallel zum Basar verläuft die antike Via Recta, die Gerade Straße wie sie heute heißt. Ein Teilstück bildet der Bazar Midhat Pascha, etwas weiter stehen die Reste eines römischen Torbogens zwischen Wohnungen und Geschäften. Am Ende der Straße verlässt man die Altstadt schließlich durch Bāb Sharqi, das östliche Stadttor. Es stammt noch aus der Römerzeit. Die historische Altstadt von Damaskus rund um die Umayyaden-Moschee wurde 1979 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

Syrien – das römische Bosra

Die etwa 150 Kilometer südlich von Damaskus gelegene Stadt Bosra kommt mit der Annexion des Nabataea Königreiches in das Imperium Romanum. Unter Kaiser Trajan verliert der römische Klientelstaat auch den letzen Rest seiner Unabhängigkeit und wird im Jahr 106 n. Chr. zur römischen Provinz Arabia Petraea. Bosra wird Provinzhauptstadt und Garnisonsstadt für die 3. römische Legion Cyrenaica. In der Provinz werden auch Hilfstruppen für das römische Heer rekrutiert und in der Nachbarstadt Canatha wird eine Bogenschützeneinheit aufgestellt, die in das heutige Niederbayern verlegt wird. Kaiser Severus Alexander (222–235 n. Chr.) verleiht Bosra nach 100 Jahren die römischen Stadtrechte einer Colonia. Etwa 80.000 Menschen leben jetzt hier. Badeanlagen werden genutzt, Villen und Kolonnadengänge, Tempel und Theater gebaut und ausgebaut. Bosra ist nicht nur Militär- und Verwaltungsstandort, sondern auch Handelsplatz und kulturelles Zentrum. Im römischen Theater aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. fanden 15.000 Menschen Platz. Der Bau ist gut erhalten, da er in nachrömischer Zeit nicht als Steinbruch benutzt wurde, sondern von den arabischen Herrschern zur Zitadelle ausgebaut wurde. Seit 1980 sind Theater und Altstadt UNESCO-Weltkulturerbe.

Syrien – das römische Palmyra

Drei Stunden röhrt unser Mini-Van von Damaskus über doch mehr als weniger gute Straßen nach Palmyra. Die Oasenstadt erlebt ihre Blütezeit nach der Eroberung durch das Römische Reich im 1. Jahrhundert n. Chr. Sie wird Teil der Provinz Syria, besitzt aber eine gewisse Autonomie und versucht über die Jahrhunderte den Spagat, sich ihre Eigenständigkeit zwischen den feindlichen Machtblöcken der Römer und Parther zu erhalten. Palmyra profitiert vom Bedeutungsverlust Petras als Handelsstadt. Kaiser Hadrian verleiht Palmyra den Status einer freien Stadt, Kaiser Caracalla erhebt sie zur Colonia. Das Prestige steigt und die Steuerlast sinkt. Als Handelsknotenpunkt an der Seidenstraße gelangt die Stadt und viele ihrer Bewohner zu Reichtum. Monumentale Bauwerke entstehen. Die Reste der Kolonnadenstraße, der Prachtboulevards von Palmyra, an deren Säulen einst die Statuen einflussreicher und reicher Palmyrener standen, lassen diese Wohlstand heute noch erahnen. Im 3. Jahrhundert überspannt Palmyras Herrscherin Zenobia jedoch den Bogen, wendet sich gegen Rom, erobert die römischen Provinzen Arabien und Ägypten. Unter Kaiser Aurelian werden die Truppen von Zenobia 272 n. Chr. von den Römern besiegt und die Stadt zerstört. Seit 1980 zählt Palmyra zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Unter den römischen Kaisern, schreibt Michael Sommer in seinem Band “Der römische Orient”, blühten Städte selbst dort, wo zuvor Steppe gewesen war, wuchsen Heiligtümer auch in unzugänglichen Bergregionen empor, kamen Landstriche, die zuvor unfruchtbar gewesen waren, unter den Pflug, erlangten griechische Sprache, Kultur und Lebensart eine bis dahin nicht gekannte Verbreitung, sorgten Legionäre entlang der Grenzen und im Binnenland für Sicherheit.

Epilog: Das moderne Syrien kennt vor allem Krieg und Bürgerkrieg. Die Löcher im Dach des Souk al-Hamidye in Damaskus, durch die so malerisch das Licht fällt, stammen aus dem Drusenaufstand von 1925 gegen die französische Mandatsherrschaft. Nach dem 2. Weltkrieg folgen mehrere Kriege gegen Israel, Staatsstreiche und blutige Auseinandersetzungen mit oppositionellen Bevölkerungsgruppen, auch im libanesischen Bürgerkrieg mischte Syrien mit. Ein halbes Jahr nach meine Syrienreise kam es zu Protesten gegen die Regierung Assads, die sich zum Bürgerkrieg seit 2011 ausweiteten. Und dennoch: Statistisch gesehen ist Gewalt im Laufe der Geschichte immer weiter zurückgegangen, wie der Evolutionspsychologe Steven Pinker von der Harvard Universität gezeigt hat. Nur eben leider nicht für jeden.

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