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Hierapolis, Heilwasser und hippe Klamotten

Wasser kann man trinken, muss man aber nicht. Man kann auch darin baden.

Besonderer Beliebtheit erfreut sich Wasser, dem eine Heilkraft zugeschrieben wird. So wie den Quellen im türkischen Pamukkale, das früher Hierapolis hieß und in der Antike eine kosmopolitische Metropole war. Hier lebten Anatolier, Griechen, Römer, Juden und später auch Christen. Das zeitweise 100.000 Einwohner zählende Hierapolis war aber nicht nur Hotspot römischer Badekultur und bevorzugter Kurort im Osten des römischen Reiches. Die Stadt war auch Zentrum der Textilindustrie mit Webwerkstätten, Färbereien und regem Textilhandel. In der Gegend ließ sich damals schon Baumwolle gut kultivieren, worauf auch der Namen Pamukkale (Baumwollschloss) verweist.

Im Jahr 133 v. Chr. fiel die Stadt Hierapolis mit dem Gebiet des damaligen Königreiches Pergamon an Rom. Diesmal nicht durch das Schwert der Legionäre, sondern durch Erbschaft. Allerdings kam das Gladius gleich danach ins Spiel, denn nicht alle waren mit der Entscheidung ihres Königs einverstanden. Es kam zu Aufständen. Die Legionen sorgten aber schnell dafür, das Rom sein Erbe antreten konnte. So wurde der Westen Kleinasiens in der heutigen Türkei Teil des Imperium Romanum und zur Provinz Asia. Hauptstadt der prosperierenden Provinz wurde die Küstenstadt Ephesos an der Ägäis.

Heute sind Pamukkale wie auch Ephesos beliebte Ausflugsziele im Angebot der Mittelmeer-Kreuzfahrtschiffe. Das türkisfarbene Wasser der inzwischen wieder weißen Kalksinterterrassen von Pamukkale sind eine der faszinierenden Sehenswürdigkeiten der Türkei. Vor 20 Jahren noch führte durch die weißen Terrassen eine asphaltierte Straße zu mehreren Hotels auf und über den Sinterterassen. Die zweigten das kalkhaltige Wasser erstmal für ihre Hotelpools ab und hätten das Naturwunder fast zerstört. Heute sind die Sünden des Massentourismus überwunden, die Hotels abgerissen und die Unesco-Welterbestätte hat sich wieder erholt. Ab und zu trifft man inmitten der antiken Stätten noch auf Touristen in nicht immer vorteilhafter Badebekleidung, doch das zerstört nicht mehr als die Ästhetik des Augenblicks.

Wählt man nicht den schönen aber schmalen und glitschigen Fußweg durch die Kalksinterterrassen, kann man Hierapolis wie zu Zeiten der Römer auch durch das Nord- oder Südtor betreten. Sehenswert ist das Frontinus Tor (auch Domitian Tor) mit seinen beiden runden Wehrtürmen und der gleich hinter den Säulenreihen der Hauptstraße liegenden öffentlichen Latrinenanlage. Die streckenweise mit Marmorplatten gepflasterte Via Frontinus durchzog die ganze Stadt und verband beide Stadttore. So kamen Reisende und Einwohner im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. an der Agora, dem zentralen Markt- und Versammlungsort der Stadt vorbei, schritten an dem prächtigen Brunnenheiligtum, dem Nymphäum, entlang, in dem Heilwasser aus den örtlichen Quellen verehrt wurde, machten vielleicht danach am Apollon-Tempel halt. Heute ist vom Tempel des Heil- und Sühnegottes kaum noch etwas zu sehen, von einstiger Größe kaum etwas zu ahnen. Dafür sieht man von hier aus schon gut die Sitzreihen des römischen Theaters. Etwa 15.000 Menschen fanden dort Platz. Es gilt als die am besten erhaltene Spielstätte in Kleinasien und war der Göttin Artemis geweiht. In der römischen Mythologie wurde sie Diana genannt. Sie war Apollons Zwillingschwester und Göttin der Jagd und Heilung. Auf Reliefs an der zweistöckige Bühne des Theaters sind mythologischen Szenen aus ihrem und Apollons Leben dargestellt.

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Kultur und Wellness in der Antike: Theater aus der Zeit des römischen Kaisers Hadrian in Hierapolis. Im Hintergrund die abfallenden weißen Kalkterrassen von Pamukkale.

Hierapolis ist aber auch bekannt für seine große Nekropole, Heilwasser hin oder her. In der Totenstadt vor dem Frontinus Tor liegen über 1000 Gräber, auch das Totenhaus eines gewissen Flavius Zeuxis. Er war wohl ein Textilhändler. Seiner Grabinschrift ist zu entnehmen, dass er von Hierapolis aus 72mal eine Reise nach Italien unternommen und dabei stets erfolgreich die gefährliche Route um Kap Malea hinter sich gebracht hat. Offenbar gab es im Zentrum des Imperiums eine anhaltende Nachfrage nach den Textilerzeugnisse des Flavius Xeuxis aus Hierapolis. Angeblich ermöglichten es das besondere Quellwasser und ein bestimmter Farbstoff, der aus einer lokalen Pflanze gewonnen wurde, eine rote Wolle von außergewöhnlicher Qualität herzustellen. Gut vorstellbar, dass Xeuxis Togen und Tuniken, Kleider und Mäntel bei einer zahlungskräftigen Kundschaft aus der High Society von Rom hoch im Kurs standen. Er wird vielleicht so etwas wie der Armani der Antike gewesen sein. Denkt man an die wetterbedingten Reisezeiten und die Dauer so eines Seetransports, wird Xeuxis etwa 30 bis 40 Jahre lang als Chef-Verkäufer seiner Firma unterwegs gewesen sein. Ein langes und erfülltes Berufsleben. Offenbar waren ihm die Götter wohlgesonnen, denn viele Schiffe erreichten damals ihr Ziel nicht und liegen auf dem Grund des Mittelmeeres.

Fotos: Oktober 2013
Text: April 2016

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