Italien·Römer

Matrosen in Misenum, Badegäste in Baiae

In der Kaiserzeit hatten die Römer am Golf von Neapel einen Hauptstützpunkt ihrer Kriegsflotte. Neben den Legionen und den Hilfstruppen verbündeter oder eroberter Völker, war die classis romana der dritte Teil des römischen Militärs.

Wer hier diente, gehörte entweder zum seemännischen Personal, war Ruderer, Steuermann oder tat, was man auf einem antiken Schiff eben tun musste, oder gehörte zur Marineinfantrie. Da die Römer keine begnadeten Seefahrer waren, enterten sie vornehmlich feindliche Schiffe und setzen dann auf ihre kampferprobte Infantrie. Wer hier diente war auch oft kein römischer Bürger, sondern kam aus den Provinzen. Nicht selten aus Ägypten, wie Briefe von Rekruten nach Hause zeigen.

Zur Trinkwasserversorgung der in Misenum stationierten rund 6000 Soldaten wurden für die trockenen Sommermonate riesige Zisternen in den Felsen gehauen. Eine davon, die piscina mirabilis, kann man besichtigen. Man ruft an und ein freundlicher Herr kommt alsbald vorbei und öffnet. Die Anlage ist im Privatbesitz und der Eintritt ist kostenlos. Die Dimensionen und vor allem die Atmosphäre sind beeindruckend. Der Dichter Francesco Petrarca nannte die Zisterne nicht umsonst “wunderbares Becken” und staunte über diese unterirdische Kathedrale. Die 48 Pfeiler mit einer Höhe von 15 Metern stützen das 70m lange und 25m breite einstige Trinkwasserreservoir der römischen Kriegsflotte in Misenum. Den Tuffstein versiegelten die Römer mit einem wasserfesten Mörtel der unter Wasser aushärtete.

In unmittelbarer Nachbarschaft von Misenum mit seinem Hafen, der Werft und den anderen Einrichtungen eines antiken Flottenstützpunktes lag Baiae. Mit seine heißen Quellen und Dämpfen ein beliebtes Heilbad und mondäner Erholungsort der römischen Oberschicht. Feldherren und Politiker, Dichter und Denker hatten hier ihre Prachtvillen. Hier herrschten nicht Drill und Gehorsam, sondern Genuss und Leidenschaft. Seneca nannte den Ort ein „Rasthaus der Laster“, wohlmeinende Zeitgenossen sprachen vom kampanischen “Wonnekessel” (crater delicatus). Auf der Baiae gegenüberliegenden Insel Nisida gab der römische Feldherr und Feinschmecker Lucius Licinius Lucullus in seinem Landsitz üppige Gastmähler. Bankette und Weingelage, nächtliche Bootsfahrten, Strandpartys und “amouröse Wellness” bestimmten die Tage und Nächte des römischen Saint-Tropez. Manchmal jedoch waren die Nächte auch Zeuge von Gewalt und Tod. Kaiser Nero ließ seine Mutter Agrippina auf dem Weg zu ihrer Villa von Flottensoldaten ermorden. Auch Kaiser Hadrian starb hier, allerdings eines natürlichen Todes. Vom antiken Baiae zeugen heute die Ruinen der Themenanlagen im archäologischen Park neben der Via Lucullo und die Reste römischer Villen im Unterwasserpark.

Gegenüber von Baiae lag das antike Puteoli, heute Pozzuoli. Beide Orte waren 37 nach Chr. Schauplatz einer Geschichte um den römischen Kaiser Caligula. Der ließ aus einigen tausend Lastkähnen eine Pontonbrücke bauen, Erde aufschütten und den Weg wie eine Straße pflastern. Dann ritt er herausgeputzt zwei Tage lang über die Brücke und strafte den Astrologen Thrasyllos Lügen, der prophezeit hatte, Caligula könne eher über den Golf von Baiae reiten als Kaiser werden.

Nach Miseno und Baia kommt man von Neapel aus in einer halben Stunde mit dem Zug von der Station Montesanto und steigt z.B. Fusaro aus. Der Zug sieht landestypisch aus, verkehrt aber häufig und ist pünktlich. Nach dem Trubel in Pompeji habe ich hier nur wenige Touristen gesehen. Wie sich die Zeiten ändern. Bis der Ort beim Ausbruch des Vesuv unterging, galt Pompeji als eine verschlafene Provinzstadt. Baiae dagegen war das mondänste See- und Thermalbad des römischen Reiches.

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