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Limesmuseum Aalen wiedereröffnet

Auf dem Gelände des Limesmuseum Aalen befand sich einst das größte römische Reiterkastell nördlich der Alpen. Am 25. Mai 2019 ist das umfassend modernisierte Römermuseum wieder für Besucher eröffnet worden.

Ist man an den Büsten großer Kaiser und Frauen des Imperium Romanum vorbei, nehmen im Erdgeschoss verschiedene Figuren den Besucher mit in den Alltag der einfachen Leute. Die meisten Charaktere stellen historische Personen mit realen Hintergründen dar, die das Leben am Limes anschaulich und begreiflich darstellen sollen. So Decoratus, einer der Reitersoldaten der Einheit Ala II Flavia, die hier etwa zwischen der Mitte des 2. bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts stationiert war. Er diente in der Abteilung (Turma) von Priscus und lebte mit einer Frau aus dem Kastelldorf zusammen. Aus dem Rheinland oder Gallien war der Händler Lucius Fidelis mit seiner Familie zugewandert. Er bezog seine Töpferwaren von verschiedenen Großhändlern und verkaufte sie an Soldaten und ihre Familien, aber auch an die Germanen der Gegend. Marcus Cerialis züchtete für das römische Heer Pferde und Rinder. Der Veteran brachte es bis zum Centurio bei der III. Legion in Regensburg, bis er ehrenvoll aus dem Militärdienst ausschied und eine zivile Karriere startete. Auch mit dabei ist die Ärztin und Hebamme Claudia Messorina und ihre Tochter Aurelia. Nach dem Tod ihres Mannes musste sie für den Lebensunterhalt sorgen und hielt als Ärztin regelmäßig Sprechstunden in der Badeanlage der Aalener Reiterkaserne ab.

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Im Ergeschoss tauchen die Besucher ein in die Welt der Römer

In den mehr als 200 Jahren ihres Bestehens hat die Einheit Ala II Flavia viele Kommandeure gehabt. Die Ausstellung zeigt die Figur des Präfekten Marcus Ulpius Dignus, der die tausend Reiter starke Elitetruppe wohl in den ersten Jahren im Aalener Kastell befehligte. Seine Einheit führte weiträumige Patrouillen durch und war in die Verwaltung der Provinz Raetien eingebunden. “Join the Army, See the World” hieß es vielleicht auch schon vor 2000 Jahren. Der Berufsoffizier kam in viele Provinzen des Imperium Romanum. U.a. in das nördliche Britannien, wo er in Vinovia als Präfekt eine andere Reitereinheit kommandierte. In Dakien diente er als Tribun bei einer Legion in Apulum und in Hadrumetum, im heutigen Tunesien, verwaltete er nach seiner Militärzeit kaiserliche Güter.

Zu einem der schönsten Ausstellungsstücke im Limesmuseum Aalen zählt für mich ein dreiteiliger Maskenhelm mit abnehmbaren Visier, wie ihn vermutlich auch Marcus Ulpius Dignus getragen hat. Im Haar ist ein Adler zu sehen, daneben Flügel und Schlangen, die an das Haupt der Medusa erinnern. Solche prächtig verzierten Gesichtshelme gehörten zur Paraderüstung der römischen Reiterei. Sie wurden bei turnierartigen Reiterspielen und Paraden getragen. Diese mit militärischen Gottheiten und mythologischen Symbolen verzierten Ausrüstungen waren Privateigentum der Soldaten und symbolisieren ihre enge Verbundenheit mit dem römischen Staat. Ein Wandbild zeigt drei Reiter mit verschiedene Helm- und Maskenformen in einer schönen Illustration.

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Maskenhelm römischer Reitersoldaten

Die Dauerausstellung im Limesmuseum Aalen ist eine gelungene Kombination von originalen Fundstücken bzw. Repliken in Schaukästen mit ergänzenden Informationen durch Wandkarten, Info-Tafeln, großformatigen Illustrationen und figürlichen Darstellungen, oft kombiniert mit Audio-Informationen. Für die Besucher gibt es viel zu sehen und zu erfahren. Die Zeiten, in denen Fundstücke in staubigen Vitrinen lagen und die einzige Information eine Jahresangabe auf einem vergilbten und sich an der Seite hochbiegenden Papierstreifen war, sind vorbei.

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Objekte aus der Römerzeit in Vitrinen. Illustrierte Motive aus dem Alltagsleben und Übersichtskarten an den Wänden

Das Alltagsleben der Menschen spielte sich aber nicht nur auf den Kasernenhöfen, in Werkstätten, Thermen oder Tavernen ab. In den Kastelldörfern wie in Aalen oder andernorts schlossen sich Vertreter verschiedener Berufsgruppen zu Vereinen zusammen. Deren Aktivitäten umfassten auch religiöse Feste und Weihgaben, da vom Wohlwollen der Götter der wirtschaftliche Erfolg abhing. Einen Weihestein zu Ehren der Göttin Diana stifteten beispielsweise Kaufleute, die aus dem Hinterland des Limes für eine Zeit in das Grenzgebiet kamen, um hier Handel zu treiben. Auch Soldaten waren oft Mitglied in einem Kollegium und schlossen sich mit Kameraden zusammen, die gleiche Aufgaben wie sie hatten, z.B. als Feldzeichenträger.

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Weihestein für die Göttin Diana des Vereins der Kaufleute aus dem Vicus Aurelianus (Öhringen). Im Konsulatsjahr des Lupus und Maximus, am 13. Dezember 232 n. Chr.

Während die Ausstellung im Erdgeschoss des Limesmuseum Aalen abgedunkelt ist, flutet Licht durch den zweiten Teil der Ausstellung im Obergeschoss. Hier ist man wieder in der Gegenwart angelangt, und es werden Wachtürme und Kastelle entlang des Limes vorgestellt und einige Objekte präsentiert. Etwa 164 Kilometer des 550 langen Obergermanisch-Raetischen Limes vom Rhein nördlich von Koblenz bis an die Donau westlich von Regensburg verliefen durch das heutige Baden-Württemberg. In gezeichnete Illustrationen verschiedener Limesabschnitte entlang der Wände, sind Fotoaufnahmen heutiger Archäologische Parks und Rekonstruktionsbauten eingefügt, wie beispielsweise das Kastell Welzheim oder der Limesturm bei Grab. Schaukästen zeigen Fundstücke aus römisch-germanischer Zeit, Multimedia-Stationen geben dem Besucher die Möglichkeit, Informationen gezielt abzurufen.

Seit 2005 ist der Obergermanisch-Raetische Limes der römischen Grenzbefestigungen in Deutschland UNESCO-Weltkulturerbe, eine Auszeichnung, auf die der Niedergermanische Limes noch wartet.

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Besucherinnen schauen sich antike Schuhe an

Nicht vergessen darf man den Außenbereich des Museums: Dort sind die Fundamente des Stabsgebäudes (Principia) des früheren Kastells samt Fahnenheiligtum zu sehen. Das Fahnenheiligtum galt als Tempel für die Götter der Heeresreligion und diente zur Aufbewahrung der Feldzeichen und Ehrengeschenke der Einheit. Ebenso wird hier ein Standbild des Kaisers als Symbol des Kaiserkultes gestanden haben. Aufgrund seiner Bedeutung war dieser Kasernenbereich besonders gut geschützt. Die römischen Soldaten verteidigten ihr Fahnenheiligtum nicht nur aus Gründen der Ehre oder aus Angst vor den Göttern, sie hatten auch ganz persönliche Motive: im Fahnenheiligtum wurde auch die Truppenkasse und die Ersparnisse der Soldaten aufbewahrt.

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Rückseite des einstigen Stabsgebäudes mit Statue des Kaisers Marc Aurel vor dem Limesmuseum Aalen

Wie bei meinem letzten Besuch steht noch ein Schutzgott mit Mauerkrone und Füllhorn am Wegesrand. “Zu Ehren des göttlichen Kaiserhauses hat der Optio Primus Ausius diese Statuette für den Genius der Centurie des Caius Sosius Cupitus aufgestellt” steht auf dem Sockel zu lesen. Vielleicht hat er sie anlässlich seiner Beförderung gestiftet. Wer weiß …

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Der Genius ist mit einem Untergewand und einer Toga bekleidet. Er opfert an einem kleinen Altar. Solche Genien waren bei Soldaten besonders beliebt und dienten als Schutzgötter von Personen, Einheiten und Gebäuden.
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