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Nächster Halt: Das römische Syrakus

Syrakus, Wirkungsstätte des Mathematikers und Ingenieurs Archimedes, letzte griechische Bastion auf Sizilien, erste römische Provinzhauptstadt, Unesco-Weltkulturerbe.

Früh mache ich mich auf den Weg in das römische Syrakus und fahre mit dem Zug von Catania-Tschentrale in die einst mächtigste Polis Siziliens. Unterwegs lese ich mich mit Drehers “Das Antike Sizilien” ein bisschen ein. Die Zeiten als Syrakus römisch wurde, waren schwierige Zeiten für die Römer. Der zweite Punische Krieg hätte der aufstrebenden Macht im Mittelmeer beinahe ein frühes Ende bereitet. Am Trasimenischen See und bei Cannae wurden die Legionen von den Karthagern unter Hannibal vernichtend geschlagen. Capua und später Syrakus sagten sich von Rom los, starke karthagische Streikräfte landeten zur Unterstützung auf Sizilien. Doch den Legionären unter dem Kommando des Konsuls Appius Claudius Marcellus gelang die Eroberung der Stadt. Bei der anschließenden Plünderung fand auch Archimedes den Tod, dessen Wunderwaffen lange Zeit die Verteidigung der Stadt unterstützten.

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Bahnhof Catania Centrale

Viele der antiken Sehenswürdigkeiten in Syrakus liegen im Parco Archeologico della Neapoli, dem archäologischen Park der Stadt. Dazu gehören vor allem das griechische Theater aus dem 5. Jahrhundert vor Christus, dass die Römer später für ihre Zwecke umbauten, und das römische Amphitheater aus dem späten 2. oder 3. Jahrhundert.

Um das Amphitheater zu bauen, wurde ein natürlicher Felsvorsprung teilweise ausgegraben, um darauf die östlichen Zuschauergänge zu errichten. Über eine große, mit einem Brunnen geschmückte Piazza betrat man durch den südlichen Eingang das Amphitheater. Mit einer Fläche von 140 m × 119 m war es eine der größten Arenen des römischen Reiches. Wie überall im Imperium Romanum bot das römische Syrakus seinen Bewohnern Gladiatorenkämpfe und Tierhetzen zur Unterhaltung an. Ein umlaufender Graben, in den ein Metallgitter eingesetzt werden konnten, schützte die Zuschauer bei Kämpfen vor den wilden Tieren. Auf der Westseite des Amphitheaters befand sich die Tribunalia, die Loge der Amts- und Würdenträger aus Syrakus.

In der Mitte des Amphitheaters erkennt man eine große Grube, die ursprünglich abgedeckt war. Sie konnte durch unterirdische Korridore aus dem Süden und dem Westen der Arena erreicht werden und ermöglichte Gladiatoren und wilden Tieren, aus den unter dem Amphitheater liegenden Zellen, den Zugang in die Arena. Mit der komplexen Bühnentechnik des Kolosseum in Rom konnte das Amphitheater von Syrakus aber nicht mithalten. Auf den Zuschauerrängen der Ostseite sind zwei lange parallele Spurrillen zu sehen, die von Norden nach Süden verlaufen. Die Räder der Karren, die hier einer alten Straße folgten, haben sie in den Kalkstein getrieben.

Etwas nordwestlich des römischen Amphitheaters, auf der anderen Seite des großen griechischen Altars des Hieron, liegt das ebenfalls aus hieronischer Zeit stammende griechische Theater. Die in den Fels geschnittenen Sitzreihen fassten etwa 15.000 Besucher. Damit gehörtes es zu den größten Theatern der griechischen Welt. Die Römer haben im Laufe der Jahrhunderte wichtige Umbauten vorgenommen. Sie schufen ein neues Bühnengebäude, legten neue Zugänge zur Orchestra, der Spielfläche für Chor und Schauspieler, und zur Bühne an und bauten auch Logenplätze für die Prominenz ein. Eine schöne 3D Animation zeigt, wie Schauspieler in der Antike von einem Kran hinter dem Bühnengebäude auf die Bühne hinab schwebten oder plötzlich aus einer Falltür auf der Spielfläche auftauchten.

Hinter dem Theater, auf einer großen Grünfläche, liegen die antiken Steinbrüche, darunter auch das berühmte sogenannte “Ohr des Dionysios”. Die Höhle bekam ihren Namen durch die außerordentlich gute Akustik. Stellt man sich an das Ende der 60 m langen und 23 m hohen Höhle, soll man sogar noch Geflüster, das am Eingang gesprochen wird, gut verstehen. Die Besucher, die mit mir in der Höhle waren, haben entweder ehrfurchtsvoll geschwiegen oder die Akustik ist doch nicht so außerordentlich. Auf jeden Fall ist die Höhle sehr eindrucksvoll.

Nicht ganz so große Anziehungskraft auf die zahlreichen Besucher übt das kleine, aber sehenswerte Privatmuseum über den bekannten Sohn der Stadt, Archimedes, aus. Etwas abseits gelegen, informiert der Tecnoparco Museo di Archimede über die Erfindungen und Verteidigungswaffen, die Archimedes zur Abwehr der römischen Angriffe auf Syrakus entwickelte.

Die sogenannte „Kralle des Archimedes“ war eine Art Kran, der römische Galeeren, die sich den Hafenmauern von Syrakus näherten um die Stadt mit Brandsätzen zu beschießen, aus dem Wasser hob. Die Griechen schwenkten dazu von den Stadtmauern den langen Arm der Kralle aus und versuchten, den spitzen eisernen Haken in den hölzernen Bug der Schiffe zu schlagen. Hingen die Galeeren dann am Haken, sauste das schwere Gegengewicht nach unten und der Haken hob die Schiffe aus dem Wasser und brachte sie schließlich zum kentern. Vielleicht noch bekannter als die “Kralle”, ist eine weitere Wunderwaffe des Archimedes: die Laserkanone. Mit Spiegeln bzw. auf Hochglanz polierten Metallschilden sollen die griechischen Verteidiger gebündelte Sonnenstrahlen auf die hölzernen Schiffe bzw. deren Leinensegel gerichtet und in Brand gesetzt haben. Im Technikpark sind ein moderner Parabolspiegel und eine fiktive antike Variante zu sehen.

Womit kann Syrakus noch punkten? Mit dem auch architektonisch sehenswerten Museo Archeologico Regionale Paolo Orsi. Seit 1988 ist es in einem Neubau im Park der Villa Landolina untergebracht. Das Münzkabinett zog als letzter Sammlungsbestandteil 2010 in den neuen Museumsbau. Im Tresorraum im Untergeschoss hat die Sammlung ihren Platz gefunden. Gezeigt werden u.a. griechische Silbermünzen von ausgezeichneter Qualität. Den Prägestempel z.B. für die Dekadrachme aus der Zeit 400 vor Chr. schuf der Künstler Kimon. Die Vorderseite zeigt einen vierspännigen Rennwagen mit Fahrer, über ihm fliegt die Siegesgöttin Nike. Unter dem Wagen ist eine Rüstung aus Helm, Brustpanzer und Beinschienen dargestellt, wahrscheinlich der für den Wettkampf ausgesetzte Preis. Mit der Dekadrachme hat man weder Wein noch Brot bezahlt, eher schon 10 Schaafe kaufen können. Sie war die größte und schwerste Silbermünze ihrer Zeit.

Die Kunstwerke der hellenistisch-römischen Zeit werden im Sektor D im Obergeschoss des Archäologischen Museums präsentiert. Zentrales Ausstellungsstück ist die Marmorstatue der Venus Landolina, eine römische Kopie aus dem ersten Jahrhundert vor Christus. Benannt wurde sie nach dem Archäologen Saverio Landolina, der die Figur 1804 in einem kleinen Tempel in Syrakus entdeckte. Außerdem gibt es schöne Büsten zu sehen, z.B. vom Gott der Heilkunst Asklepios, vom römischen Kaiser Nerva und der Ehefrau von Kaiser Hadrian, Vibia Sabina.

Am späten Nachmittag leiste ich mir im Bahnhofscafé noch einen Espresso und ein Croissant, dann geht es zurück nach Catania. Das war ein schöner Tag im römischen Syrakus.

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Bahnhof Siracusa
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