Italien·Römer

Der Archäologische Park von Selinunt

Bei Selinunt auf Sizilien liegt der größte archäologische Park Europas. Weitläufig, schön zum Wandern, ein bisschen verschlafen. Archäologen hoffen, dass unter der Erde ein zweites Pompeji liegt, andere wollen Selinunt zum neuen Davos einer globalen Elite machen.

Bevor Sizilien römisch wurde, siedelten Griechen und Karthager auf der Insel. Im siebenten Jahrhundert gründeten Kolonisten aus einer unbedeutenden Stadt in der Nähe von Syrakus die griechische Polis Selinunt im Westen Siziliens. Zu Beginn des fünften Jahrhunderts war die Stadt mit den Karthagern verbündet, am Ende des fünften Jahrhundert mit ihnen verfeindet. Selinunt wurde erobert, zerstört und im Bereich ihrer einstigen Akropolis als karthagische Stadt wiederaufgebaut. Im ersten Punischen Krieg gegen die Römer verließen die Karthager dann 250 v. Chr. Selinunt. Mehr als 1.000 Jahre später führte vermutlich ein Erdbeben dazu, dass die Denkmäler der antiken Stadt zu einem Haufen Ruinen wurden. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde Selinunt wiederentdeckt, zu Beginn des 19. Jahrhundert begannen archäologische Ausgrabungen.

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Eingang zum Archäologischen Park Selinunt

Der weitläufige archäologische Park von Selinunt umfasst zwei Hauptbereiche. In der Nähe des Eingangsgebäudes liegt das Areal des östlichen Hügels mit den Überresten dreier Tempel. Weil sich die Fachwelt mit den dort verehrten Gottheiten nicht sicher ist, heißen sie Tempel E, F und G.

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Eine Besuchergruppe sucht Schutz im Schatten der Bäume

Der Tempel E ist der älteste der drei Tempel und wurde einige Jahre nach der Gründung der Kolonie um 460 – 450 v. Chr. erbaut. Vielleicht war er Hera gewidmet, oder Aphrodite. Die Fachwelt ist sich uneins. Aufgrund seiner Ordnung und Harmonie, seiner Proportionen und der Symmetrie gilt er als eines der besten Beispiele dorischer Architektur auf Sizilien. Vom Tempel E stammen verschiedene friesartige Steinskulpturen, sogenannte Metopen, von denen einige im Archäologischen Museum von Palermo ausgestellt sind. Im Jahr 1959 wurde Tempel E teilweise wiederaufgebaut, allerdings ist die Rekonstruktion fachlich nicht unumstritten.

Nördlich von Tempel E steht Tempel F. Er war der kleinste der drei Tempel und seine Ruinen wurden irgendwann geplündert und als Steinbruch verwendet. Athene oder Dionisio kommen als hier verehrte Gottheiten infrage, weil man entsprechende bildliche Darstellungen gefunden hat. Auch von dem dritten Tempel, mit dem Buchstaben G , der wohl Zeus gewidmet war, ist heute nur noch ein Trümmerfeld übrig. Eine seiner Säulen wurde wiederaufgebaut und ragt aus dem Ruinenfeld heraus.

Der archäologische Park von Selinunt hat noch einen zweiten großen Bereich: die drei Kilometer vom östlichen Hügel entfernte Akropolis, mit den Resten mehrerer Tempel, den Wohnquartieren und den Stadtbefestigungen (eine schöne Luftaufnahme der Ruinen mit einer Drohne hat Victor Dosne auf Youtube hochgeladen).

Aus den Überresten der fünf dorischen Tempel ragen Säulen des Tempels C im ehemaligen Zentrum der Akropolis von weitem sichtbar heraus. Sie gehören zum nördlichen Säulenkranz des Tempels und wurden unter Verwendung des Originalmaterials in den Jahren 1925 bis 1927 wiederaufgerichtet. In jüngster Zeit wurde die Kolonnade über zehn Jahre lang restauriert. Im Jahr 2011 wurden sie endlich vom Gerüst befreit und wieder richtig sichtbar gemacht.

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Blick über den Archäologischen Park zur Akropolis

Tempel C wurde wahrscheinlich kurz nach der Mitte des sechsten Jahrhunderts v. Chr. errichtet und war dem Gott Apollon geweiht. Ursprünglich war die Cella, der innere Hauptraum, von zwei Reihen mit je 17 Säulen umgeben. Sechs Reihen breit war die Säulenfront. Vom Meer aus war der Anblick für anlegende Schiffe sehr beeindruckend, wie eine Zeichnung im Archäologischen Museum von Palermo zeigt. Wohl in frühchristlicher Zeit ist der Tempel in Folge eines Erdbebens eingestürzt. Auch hier hat man bei Ausgrabungen Metopen gefunden, die im Archäologischen Museum von Palermo zu sehen sind.

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Informationstafel am Tempel C auf der Akropolis

Nachdem karthagische Truppen die Stadt 409 v. Chr. eroberten, ließen sich in der folgenden Zeit punische Kolonisten in den Ruinen der griechischen Stadt nieder. Die Mauern wurden wiederaufgebaut, die Tore erneuert und die Dächer der alten Häuser restauriert. Neue Häuser wurden auf den Freiflächen der Tempel gebaut. Die Straßen zwischen den Häusern waren schmaler als zuvor, um mehr Schatten zu spenden. Der Tempel im Zentrum der Stadt wurde dem punischen Gott Melkart geweiht. Da man bei Ausgrabungen viele Siegel gefunden hat, geht man davon aus, dass im Tempel auch ein wichtiges Archiv untergebracht war.

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Besuchergruppe

Die Karthager bauten auch die Stadtbefestigungen schrittweise aus, dabei war das Gebiet um das Nordtor der am besten befestigte Bereich. Das Tor wurde durch zwei rechteckige Türme mit Katapulten geschützt. Später wurde die Verteidigungsanlage umgebaut, aber wohl nicht vollendet. Ein langgezogener dreigeschossiger Gebäudekomplex diente sowohl als Wehranlage als auch als Ausfalltor für die Verteidiger.

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Befestigungen am Nordtor

Heute können Besucher im archäologischen Park von Selinunt ungestört von Touristenmassen bummeln. Das ist nicht ganz so schön, aber entspannter als ein Besucht im Tal der Tempel bei Agrigent. Doch wohlmöglich könnte sich das demnächst ändern. Italienische Wissenschaftler haben an die hundert Bauten unter der Erde entdeckt und sprechen von einem zweiten Pompeji

Auch die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brindas haben Großes mit Selinunt vor. Im letzten Jahr fand hier wieder ihr Google Camp statt, von dem die angelsächsische Presse sagt, es sei das neue Davos. Zum Dinner spielte die Band Coldplay vor den Tempelruinen von Selinunt, natürlich nur vor geladenen Gäste.

Wahrscheinlich wird aber aus beiden Vorhaben nichts. Wer braucht ein zweites Pompeji, wer ein neues Davos?

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Blick von der Akropolis auf den Tempel E auf dem östlichen Hügel

Archäologischer Park von Selinunt. Selinunt TP, Italien. Ausführliche Informationen. Informationen der Parkverwaltung.

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