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Cinecitta – Hollywood am Tiber: Filme, Feuer, Feiern

Benito Mussolini ließ in Cinecitta Propagandafilme für das rechte Leben produzieren, Federico Fellini verfilmte hier das süße Leben. Später entstanden in der Filmstadt monumentale Sandalenfilme wie Ben Hur und die Mutter aller Serien: Rom. Brände zerstörten die Requisiten der Serie, in den Außenkulissen feiern heute Firmen ihre Events und Touristen spüren dem antiken Rom nach.

Cinecitta, die Filmstadt, ist ein Filmstudio-Komplex im Südosten von Rom an der Via Tuscolana. Für lange Zeit galt Cinecitta als größtes Filmstudio Europas. Im Jahr 1937 wurde die riesige Anlage mit mehreren Filmstudios und weiten Freiflächen nach kurzer Bauzeit eröffnet, um vor allem Propaganda für Mussolinis Faschismus zu machen. “Der Film ist die stärkste Waffe” tönte der Duce bei der Eröffnung. Damit war er jedoch weder der erste noch einzige Diktator, der das so sah. Das Zitat stammt von Lenin und auch Hitler wusste um den Nutzen der Babelsberger Ufa Filmstudios.

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Ein gemalter roter Teppich weist Besuchern den Weg zu den Filmstudios und Außenanlagen

Angelegt ist die Filmstadt nach einem ähnlichen Muster, wie eine antike römische Stadt. Es gibt eine Hauptachse, die von zwei, drei Querachsen geschnitten wird. Und es gibt einen Hauptplatz, der so etwas wie ein Eingangsplatz ist. Und das Ganze ist eigentlich das typische römische Muster von Stadtgrundrissen, wie man es eben aus der Antike auch kennt, sagt die Kunsthistorikerin Christine Beese.

Nach dem Ende des Krieges und des Faschismus entdeckte Hollywood in den 1950er und 60er Jahren die italienischen Studios, in denen man kostengünstiger als in den USA aufwendige Produktionen wie Ben Hur, Quo Vadis oder Cleopatra drehen konnte. Riesige Kulissen wurden in Cinecitta gebaut, tausende Statisten kamen zum Einsatz. Das deutsche Fernsehen beglückt uns ja heute noch regelmäßig mit solchen Filmschätzen.

Fünfzig Jahre später drehte Ridley Scott in Cinecitta seinen Film Gladiator und der US-Pay-TV-Sender HBO gab die Serie Rom in Auftrag. Die 100 Millionen Dollar Produktion von HBO, BBC und RAI wurde 2005 ausgestrahlt, gewann vier Emmys und erhielt zwei Golden-Globe-Nominierungen. Das Drehbuchautor John Milius die historische Authentizität nicht aus den Augen verlor, hat sich gelohnt, wie wir noch feststellen werden.

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Unsere Besuchergruppe strebt den ständigen Kulissen des antiken Roms auf dem Gelände der Cinecitta Filmstudios zu

Doch die wohl größte und prägendste Zeit für die Cinecitta ist mit dem Namen Federico Fellini verbunden. Der italienische Regisseur drehte hier viele seiner Filme im legendären Filmstudio „Teatro Cinque“. In seinem Film La dolce vita, das süße Leben, spazierte Marcello Mastroianni über die Via Veneto in Rom und Anita Ekberg nahm ihr legendäres Bad im Trevi-Brunnen. Straße und Brunnen im Film waren allerdings Nachbauten, Kulissen im Filmstudio Nummer fünf.

Teatro Cinque: Das legendäre Studio, in dem Federico Fellini arbeitete. Besichtigen konnten wir allerdings nur das viel kleinere Studio Nummer Ein. Nach dem Grundriss der Anlage ist das Studio Fünf etwa zehnmal so groß.

Gleich wird der junge Octavian zum Senat sprechen und Cicero wird merken, dass ihn der neue Konsul hinters Licht geführt hat.

Auch die Macher der Fernsehserie Rom nutzen das Filmstudie Nummer fünf und drehten hier in der größte Halle von Cinecitta die beiden Staffeln um die Abenteuer der Legionäre Titus Pullo und Lucius Vorenus vor dem Hintergrund des Endes der römischen Republik. Cäsar wird ermordet, es kommt zum Bürgerkrieg und sein Adoptivsohn und Erbe Gaius Octavius begründet als Kaiser Augustus das Prinzipat. Leider war nach zwei Staffeln Schluss. Bei einem schweren Brand im August 2007 wurden die Requisiten und Teile der Kulissen zerstört. Wahrscheinlich war es ein Kurzschluss in einem Lagerhaus, der das Feuer verursacht hat. So ein Pech!

Immerhin, die Außenkulissen der Serie Rom, die in sechs Monaten auf einem zehn Hektar großen Gelände innerhalb von Cinecitta mit Stahlgerüsten, Holz- und Glasfaserplatten, Spachtelmasse und Farben hochgezogen wurden, stehen zum großen Teil noch. Soweit möglich, zeigen sie ein authentisches Rom zu Zeiten Julius Cäsars. Mittelpunkt der Anlage ist eine Nachbildung des Forum Romanum mit Tempeln und Gebäuden, die so aussehen, wie wir es uns vorstellen, dass es vor 2000 Jahren so ausgesehen haben könnte. Schöner Satz, oder? Die Gebäude sind bunt, kräftige Rot-, Blau- und Grüntöne sowie bunte Dekore entsprechen dem Stand der Forschung. Auch die antiken Statuen in Häusern, Gärten und auf den öffentlichen Plätzen waren bekanntlich nicht aus marmornen Weiß, sondern kunstvoll bunt angemalt.

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Am dem Weg zum Forum Romanum: Besuchergruppe auf dem Gelände der Filmstudios Cinecitta in Rom

Das Forum Romanum war der älteste öffentliche Platz und der Mittelpunkt des politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Lebens im antiken Rom. Er liegt in einer Senke zwischen drei der sieben Stadthügeln Roms, zwischen Kapitol, Palatin und Esquilin. Im Laufe der Jahrhunderte veränderte er sein Gesicht, wurde dichter und prächtiger mit öffentlichen Gebäuden und Denkmälern bebaut.

Die Kulissen des für die Serie Rom gebauten Forum Romanum entsprechen natürlich in erster Linie filmischen und dramaturgischen Erfordernissen. So ist der nur halb so groß wie sein reales Vorbild und es gab zu Cäsars Zeiten auch noch keinen Triumphbogen auf dem Forum. Wie es dort zu Zeiten der späten Republik und in den nachfolgenden Jahrhunderten tatsächlich wohl ausgesehen hat, haben Lehrende und Studierende des Winckelmann-Instituts der Humboldt-Universität Berlin in einer 3D-Rekonstruktion erarbeitet.

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Tempel des Saturn in den Cinecitta Filmstudios

Durchaus imposant kommt in Cinecitta der Nachbau eines Tempels mit rot gestrichenem Sockel, sechs Säulenreihen und buntem Giebelfries daher. Von der Lage auf dem Filmset her könnte es gut der Tempel des Saturn sein. Das die Säulen ionische Kapitelle haben, passt. Auf manchen Bildern aus dem Film und von den Kulissen ist auf der Giebelspitze eine sitzende Jupiterstatue zu sehen. Aber der Jupitertempel stand nicht auf dem Forum sondern auf dem Kapitolshügel. Neben dem Tempel haben die Kulissenbauer einen Wandkalender, einen Fasti, gebaut. In der Serie Rom sieht man auch öfters eine Gestalt mit Kapuze, die eine Leiter erklimmt und den neuen Tag markiert.

Über den 12 Spalten für die Monate des Jahres sind wohl die offiziellen Feiertage und andere offizielle Ereignisse aufgelistet. Der römische Kalender hatte noch keine fortlaufend gezählten Tage im Monat, sondern vier feste Daten wie die Nonen oder die Iden, um die herum gezählt wurde. So markierten die Iden im März den 15. Tag. Der 12. Tag im März war daher nicht der 12. März, sondern wurde als “drei Tage vor den Iden des März” bezeichnet.

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Nachbau eines Fasti, eines öffentlichen Kalenders

Ein weitere Tempel daneben, schlichter in der Farbgebung, aber auch imposant und mit korinthischen Säulen, könnte der Tempel der Concordia auf dem Forum Romanum sein. Verehrt wurde hier Concordia, die Göttin der Eintracht. Die Römer sahen die politische Eintracht unter den Bürgern als Garant für das Staatswohl an. Folgerichtig stand der Tempel der Concordia daher auch in der unmittelbaren Nachbarschaft zum Senat.

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Tempel der Concordia auf dem Forum Romanum

Im vorherigen Bild schon im Anschnitt zu sehen und nachfolgend in Großaufnahme, steht die Kulisse des Senatsgebäudes in den Cinecitta-Filmstudios. Allerdings sieht es mit dem hinteren Rundbau doch sehr nach dem Pantheon aus. Das aber wurde erst 100 Jahre später gebaut und auch nicht auf dem Forum Romanum, sondern auf dem Marsfeld.

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Sitzungsort des römischen Senats in den Filmkulissen der Serie Rom

Aber die Filmemacher haben das Gebäude als Sitzungsort des römischen Senats vorgesehen und das sicherheitshalber auch in der Giebelinschrift so festgehalten: Senatus Populusque Romanus (Senat und Volk von Rom – die Abkürzung S.P.Q.R. ist auch heute noch im Stadtbild Roms lebendig). Weil sie einen Befehl Julius Cäsars ausführen, steuern unsere Serienhelden Pullo und Vorenus in einer Szene direkt darauf zu. Julius Cäsar führte inzwischen die 13. Legion über den Fluss Rubikon nach Rom. In einer Proklamation an das Volk legt er seine Sicht der Auseinandersetzung mit seinem Mitkonsul Pompeius dar. Mit dabei ist Cäsars germanische Reiterei, in der Ubier aus dem heutigen Köln dienen.

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“Nehmt unsere ubische Kavallerie, reitet direkt zum Forum und nagelt die Proklamation an die Tore des Senats.”
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Triumpbogen mit Viktoriendarstellungen über dem Mittelbogen

Bekanntermaßen gewann Cäsar den Bürgerkrieg gegen Pompeius und seine Anhänger nach den Schlachten von Pharsalos und schließlich Munda und kehrte 45 v. Chr. siegreich nach Rom zurück. Nach so einem Triumph braucht es natürlich auch einen Triumphzug über das Forum, am besten durch einen Triumphbogen. Und so haben die Kulissenbau auch einen solchen Bauwerk errichtet. Schön anzusehen, mit den trophäentragenden Siegesgöttingen über dem Mittelbogen. Die Darstellung der Viktorien stammt natürlich vom Septimius-Severus-Bogen, der ca. 240 Jahre nach der Zeit, die in der Serie dargestellt wird, gebaut wurde. Zu Cäsars Zeiten gab es noch keinen Triumphbogen auf dem Forum Romanum. Ob angesichts der römischen Vorstellung von Eintracht, ein Sieg von Römern über andere Römer triumphal begangen worden wäre?

Historisch korrekt ist dagegen das Gebäude links des Triumphbogens, die Basilica Aemilia. Tatsächlich stand sie dort zu antiken Zeiten und wird auch im Prospekt der Eventagentur der Cinecitta so bezeichnet. Dort kann man nämlich Galadinner oder Tagungen mit bis zu 1200 Teilnehmern veranstalten. In dem seinerzeit monumentaler Hallenbau befanden sich multifunktional nutzbare Räume, z.B. für Waren- und Geldgeschäfte, juristische und politische Angelegenheit. Dort wo heute Events im SPQR-Stil mit Gladiatoren, Dienstmädchen und Löwen gefeiert werden, zelebrierte Julius Cäsar seinen Triumph über die geschlagenen Pompejaner.

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Sah das wirklich so aus?

Doch woher kommt eigentlich unsere Vorstellung vom antiken Rom und dessen Reproduktion? Die beiden Archäologen Judith Ley und Karsten Ley haben sich damit beschäftigt und schreiben in ihrem Beitrag Cinecittà Aeterna. Lebensdauer und Wandlungen des antiken Rom im Film:

“Das Bild der antiken Stadt Rom ist tiefer in das gemeinschaftliche Gedächtnis der westlichen Welt eingeschrieben als das jeder anderen Metropole des Altertums. Die Wirkmächtigkeit dieses Stadt-Bildes fußt einmal auf der historischen Bedeutung der römischen Zivilisation, zum anderen auf einem medienvermittelten Inventar von Vorstellungen. Eine wichtige Grundlage für dieses, vor allem über Kinofilme vermittelte Bild von Rom ist die faschistische Antikenrezeption und -aufbereitung im Italien der 1930er Jahre. Hollywoods monumentale Antikenfilme der Nachkriegszeit zitieren ein grandioses, aber in vielerlei Hinsicht unrichtiges Bild von der Hauptstadt des römischen Reiches, das auf mehrfache Weise durch diesen vorangehenden Zeitabschnitt beeinflusst worden ist. Auf diese Weise werden über den Film vermittelte, mit zeitgeschichtlichen Bezügen aufgeladene Bilder der antiken Stadt zur Referenzquelle, nicht die Befunde der Archäologie. Filme wie ‘Quo Vadis’ oder ‘Ben Hur’ projizieren die theatralische Selbstdarstellung eines autoritären Regimes des 20. Jahrhunderts in die entfernte Vergangenheit zurück und thematisieren auf diese Weise indirekt politische Bezüge zum 20. Jahrhundert. Spätere Visualisierungen Roms in Film- und Fernsehproduktionen differenzieren dieses Bildrepertoire nur teilweise durch Rückgriff auf Befunde der Archäologie. Die Kontinuität von medienvermittelten Vorstellungen des antiken Rom hat eine kollektive Bildvorstellung geschaffen, die eine ungebrochene Lebensdauer besitzt, obwohl sie meistenteils ahistorisch ist.”

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Nachdem die Kulisse der Basilica Julia bei einem Brand zerstört wurde, hat man sie wieder neu aufgebaut.

Während die Basilica Aemilia das Forum Romanum auf der Nordseite einrahmte, schloss die Basilica Julia die Südseite ab. Sie war einst der monumentalste Hallenbau auf dem Forum und wurde vor allem auch für Gerichtsprozesse genutzt. Fertiggestellt wurde sie allerdings erst unter Augustus als Nachfolgebau der Basilica Sempronia. Die heutige Kulisse ist ebenfalls ein Nachfolgebau der ursprünglichen Nachbildung. Im Jahr 2018 brannte es noch einmal in den Cinecitta-Filmstudios. Die Flammen zerstörten einen weiteren Teil der Kulissen, die nach 2005 für Veranstaltungen und andere Film-Produktionen genutzt wurden, darunter auch den großen Hallenbau. 

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Die Kulisse der Basilika Julia in einer Szene aus der Serie Rom
Victoria’s Secret-Werbespot in den Kulissen des antiken Rom

Leider umfasst die Führung nicht alle Bereiche der Kulissen des antiken Roms und lässt auch nicht viel Zeit, um in Ruhe und mit Muße zu fotografieren. Immerhin hat unsere Cinecitta-Führerin verständnisvoll darüber hinweggesehen, wenn sich jemand von der Gruppe entfernt hat. Vielen Dank, Julia!

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Blick über das Forum Romanum auf die Basilica Julia. Auch Wohnviertel und andere Gebäude gehörte zu den Kulissen für die Serie Rom.
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Utensilien aus dem Filmset der Serie Rom vor einer Greenscreenwand

Besichtigung

Cinecitta: Die Außenkulissen Antikes Rom auf dem Gelände der Cinecitta Filmstudios können nur mit einer geführten Tour besichtigt werden. Führungen in englischer Sprache werden jeden Samstag um 11.00 Uhr angeboten und dauern etwa 60 Minuten. Die Metrostation Cinecitta der Linie A vom Stadtzentrum liegt direkt vor dem Eingang.

Cinecitta World: Neben den Cinecitta Filmstudios gibt es seit einigen Jahren den Erlebnispark Cinecitta World. Auch hier kann man in das alte Rom eintauchen. Der Park liegt ein gutes Stück entfernt in der Nähe des Flughafens Rom-Fiumicino.

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Eingang zur Cinecitta an der Via Tuscolana in Rom

Im November war in den Medien zu lesen, dass die italienische Regierung an die alten erfolgreichen Zeiten der Filmstadt anknüpfen will. Eine Finanzspritze von 150 Millionen Euro für einen Filmförderungsfonds soll aus der Cinecitta wieder ein europäisches Hollywood machen.

Zu wünschen wäre es der Cinecitta. Vielleicht findet dann auch die Serie Rom eine Fortsetzung.

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