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Das Winckelmann Museum in Stendal

Johann Winckelmann gilt als der Begründer der Klassischen Archäologie und modernen Kunstwissenschaft. Im Jahr 1768 wurde er das Opfer eines heimtückischen Mordes. In seiner Geburtsstadt Stendal erinnert ein Museum an den großen Antikengelehrten und seine Arbeit.

Johann Joachim Winckelmann erschuf eine neue Sicht auf die Antike und beeinflusste die Literatur der deutschen Klassik. Sein von Sehnsucht und Liebe zur Freiheit geprägtes Bild der Antike trug wesentlich dazu bei, die antike Kunst und Kultur zu einem lebendigen und schließlich zum persönlichen Erlebnis zu machen.

Winckelmann arbeitete in Italien, besuchte die antiken Stätten in Paestum und Pompeji, sammelte Material für seine Schriften und entwarf im Auftrag des italienischen Kardinals Alessandro Albanis das Programm für die künstlerische Ausgestaltung der Antikensammlung in der Villa Albani. Später wurde er von Papst Clemens XIII. zum Aufseher aller Altertümer von Rom ernannt. Im April 1768 brach er aus Rom zu einer Deutschlandreise auf, auf der er am 8. Juni 1768, bei einer Zwischenstation in Triest, das Opfer eines Verbrechens wurde.

Im Stendaler Museum wird das Leben und Wirken Winckelmanns in 14 Räumen nachgezeichnet. Raum eins thematisiert den Mord an Winckelmann, Raum drei die öffentliche Reaktion auf das blutige Ende des Gelehrten in Triest. Die gebildete Welt war nachhaltig geschockt. Der Bildhauer Antonio Bosa schuf ein monumentales Grabmal auf dem Friedhof San Giusto in Triest, europaweit wurde Winckelmann mit Büsten und Statuen geehrt.

Vor seiner Tätigkeit im Italien lebte Johann Winckelmann einige Jahre in Dresden. Hier entstand 1755 sein Erstlingswerk, die Gedancken über die Nachahmung der Griechischen Wercke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst, eine enthusiastische Schilderung der Kultur und Kunst des antiken Griechenlands. Seine aus den antiken Quellen erschlossene Beschreibungen der Laokoongruppe sowie die von ihm in den Dresdner Kunstsammlungen besichtigten Statuen der Herkulanerinnen verstand er als Gegenpol zum höfischen Barock seiner Zeit.

Raum 6: Von Preußen nach Sachsen – Schloss Nöthnitz und der Graf von Bünau und Raum 7: Große Kunst in Dresden – sein Erstlingswerk macht ihn bekannt
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Die Herkulanerinnen im Raum 7: Große Kunst in Dresden

Im Jahr 1758 sah Winckelmann in Paestum, südlich von Neapel, als „erster Deutscher“ die drei dorischen Tempel und widmete 1759 den Tempeln von Agrigent in Sizilien einen Aufsatz. Der Weg für eine ästhetische Neubewertung der griechischen Tempel war damit eröffnet. 1762 erschienen seine Anmerkungen über die Baukunst der Alten, worin er u.a. über Baumaterialien, Fundamente und Mauerkonstruktionen schrieb und sich mit den griechischen und römischen Säulenordnungen befasste.

1738 hatte die systematische Ausgrabung in Herkulaneum begonnen, 1748 in Pompeji. Die erste Reise dorthin unternahm Winckelmann 1758. Während der zweiten Reise 1762 wurde ihm dann auch der Besuch der Ausgrabungen gestattet. Winckelmann berichtete auch von den antiken Wandmalereien aus Herkulaneum und Pompeji. Diese lösten dann europaweit Begeisterung aus; zahlreiche Schlösser wurden mit Motiven der antiken Fresken ausgestattet.

Bronzenachguss des sitzenden Hermes im Raum 12: Besuche am Vesuv: Herkulaneum und Pompeji werden ausgegraben
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Minerva und Jüngling – kolorierter Kupferstich eines antiken Fresko

Zu den seit der Renaissance hochgeschätzten Antiken zählen die Laokoongruppe, der Torso (das Fragment einer antiken Statue eines Sitzenden) und der Apoll auf dem Belvederehof im Vatikan. Bald nach seiner Ankunft in Rom 1755 hatte Winckelmann die Statuen gesehen und mehrfach beschrieben, u.a. in seinem 1764 erschienenen Hauptwerk Geschichte der Kunst des Altertums. Der letzte Raum 14 im Winckelmann Museum stellt Nachbildungen dieser berühmten Statuen des Vatikans aus.

Raum 14: Die berühmtesten Statuen des Vatikans
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Der Apollo von Belvedere im Winckelmann Museum

Winckelmann war eine berühmte Persönlichkeit und wurde schon zu Lebzeiten porträtiert, u.a. 1764 von der damals 22-jährigen Malerin Angelika Kauffmann und 1768 von dem österreichischen Porträtmaler Anton von Maron. Marons Gemälde stellt Johann Winckelmann in seinem Hausmantel mit russischem Wolfspelz und Seidentuch um den Kopf dar. Das Ölbild auf Leinwand im Winckelmann Museum ist eine Kopie aus dem Jahr 1956.

Das Winckelmann Museum wurde 1955 an der Stelle seines Geburtshauses, der heutigen Winckelmannstraße 36, eröffnet. Innerhalb von gut 60 Jahren, insbesondere aber seit dem Jahr 2000, als die Winckelmann-Gesellschaft die Trägerschaft des Museums übernommen hat, wurde das Areal schrittweise durch Einbeziehung anliegender Gebäude und Flächen erweitert. Anlässlich der Winckelmann-Jubiläen 2017/2018 erfolgte eine umfassende bauliche Neugestaltung. Die Winckelmann-Gesellschaft wurde im Jahr 1940 gegründet und ist heute ein gemeinnütziger Verein mit 600 Mitgliedern aus 20 Ländern.

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Gang mit Skulpturen im Neubau des Winckelmann Museums
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Das Winckelmann Museum als Kinder-, Familien- und Erlebnismuseum

Seit 2003 gehört ein aus Holz gebautes und etwa 45 Tonnen schweres Trojanischen Pferd zum Winckelmann Museum. Die 15 Meter hohe Figur wurde für eine große Troja-Schau in Niedersachsen angefertigt und anschließend nach Stendal gebracht. Seit August 2020 ist es nach umfangreicher Sanierung wieder begehbar und bietet einen schönen Blick auf Stendal.

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Stilisierter Nachbau des Trojanischen Pferdes

Mehr über das Leben Johann Winckelmanns in Stendal kann man seit Juni 2021 auch über den sogenannten Winckelmann-Pfad erfahren. Ermöglicht wurde er mit Unterstützung der örtlichen Bürgerstiftung.


Winckelmann-Museum
Winckelmannstr. 36-38
D-39576 Stendal

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