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Das Nationalmuseum von Bardo in Tunis

Das Nationalmuseum von Bardo in Tunis beherbergt die wohl weltweit größte Sammlung römischer Mosaiken. Nach turbulenten Jahren hat es im Herbst wieder eröffnet. Umgebaut wird aber immer noch oder schon wieder. Dafür hat man das Museum weitgehend für sich.

Das Nationalmuseum von Bardo (Musée National du Bardo) im tunischen Stadtteil Bardo beeindruckt durch seine Architektur und Mosaikensammlung. Teilweise ein einstiger königlicher Palast, teilweise ein moderner Erweiterungsbau. Das Museum beherbergt eine der bedeutendsten Sammlungen römischer Mosaiken weltweit, die detailreiche Szenen aus Alltag und Mythologie darstellen. Eröffnet wurde das Museum im Jahr 1888 und umfassend renoviert bis 2012, spielt es eine zentrale Rolle in Tunesiens Kulturlandschaft. Das Haus wurde nach einer turbulenten Zeit, die von mehreren Schließungen aufgrund eines Terroranschlags, politischer Instabilität und der COVID-19-Pandemie geprägt war, im September 2023 wiedereröffnet.

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Der Eingangsbereich des Bardo Museums im wuchtigen Erweiterungsbau.
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Die Eingangshalle des Bardo Museums schmücken zwei große Mosaike

Ein großformatiges römisches Mosaik ist gleich hinter der Sicherheitsschleuse in der großen Eingangshalle des Nationalmuseum von Bardo zu bewundern. Das sogenannte Triumph des Neptun Mosaik zeigt den römischen Meeresgott auf einem von Seepferden gezogenen Wagen. Es stammt aus dem zweiten Jahrhundert und wurde im antiken Hadrumetum, dem heutigen Sousse, gefunden.

Ein weiteres großes Mosaik liegt auf dem Boden davor und zeigt verschiedene Inseln im Mittelmeer auf einer Art Pseudokarte. Die Anordnung entspricht nicht der geographischen Realität, sondern folgt vielleicht künstlerischen Kriterien. Am vorderen Bildrand ist Idalium zu lesen, eine antike Stadt auf der Insel Zypern. Das Mosaik stammt aus dem dritten oder vierten Jahrhundert und wurde 1995 im tunesischen Haidra nahe der Grenze zu Algerien entdeckt.

Im Erdgeschoss des Bardo Museums, einem früher verschütteten Kellergewölbe mit den Zisternen des einstigen Palastes, befindet sich nun unter anderem der Sarkophag-Saal. Hier ist eine Reihe von Sarkophagen und Grabstelen ausgestellt, die aus verschiedenen Stätten des römischen Afrikas aus der Zeit des zweiten bis vierten Jahrhunderts stammen. In den Seitenkammern steht ein schöner Sarkophag, verziert mit den neun Musen, den Schutzgöttinnen der Künste. Er wurde in Ghar el Melh nördlich von Tunis, dem antiken Karthago gefunden. In einer anderen Kammer steht die Begräbnisstatue eines Mannes, der als Herkules dargestellt wird. Der Torso hat ein Unterkleid an und ist mit einem Löwenfell bedeckt. Was man auf dem Foto nicht sehen kann, ist, dass er in seiner rechten Hand Mohnblumen hält, an denen ein Hund schnüffelt. Die Marmorstatue stammt aus Borj El Amri, südwestlich von Tunis.

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Der Karthago-Saal im Bardo Museum

Das Herzstück im Bardo Museum ist für mich der Karthago-Saal. Der Raum im ersten Stock zeigt einen Altar, der dem römischen Kaiser Augustus gewidmet ist, und eine Reihe von monumentalen Statuen aus Karthago. Sie stellen meist Götter oder Angehörige des Kaiserhauses dar, wie Venus, Isis oder Faustina die Jüngere.

Der Altar der Gens Augusta wurde am Hang des Byrsa-Hügels über dem Hafen der antiken Stadt Karthago entdeckt. Der Dichter Vergil schreibt darüber, wie Aeneas nach seiner Flucht aus Troja die Gründerin Karthagos Dido besucht. Die beiden anderen Seiten das Altars zeigen einmal die Personifizierung Roms in Gestalt einer Amazone sowie den Gott Apollo mit einer Kithara. Der Gott stand in enger Verbindung zur Familie des Augustus.

Die beiden großen Bodenmosaike im Karthago-Saal wurden in Uthina gefunden. Eines ist wegen Umbaumaßnahmen abgedeckt. Die Abbildungen auf dem Baugerüst zeigen die römischen Mosaike Dionysos und die Jungfrau sowie eine Jagdszene, bei der zwei Hunde namens Mustela und Ederatus einen Hasen verfolgen.

Die große und vielfältige Mosaikensammlung ist es, die das Bardo Museum so berühmt macht. Sie enthält Darstellungen aus dem Bereich des Glaubens und der Mythologie, der Jahreszeiten oder des täglichen Lebens der Menschen in der Antike: Fischerei, Seehandel, Luxusvillen, Jagd, Sport- und Freizeitaktivitäten und vieles mehr wird detailreich und vielfach noch nahezu vollständig dargestellt.

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Neptun Mosaik

Eine Nereide, ein mythologisches Wesen das Schiffbrüchige beschützt, reitet auf einem Seepferchen. Die Darstellung ist ein Detail aus einem großen Mosaik, dass den Gott Neptun auf seinem Wagen zeigt, umgeben von den Köpfen der vier Windgöttinnen. Es stammt aus dem späten dritten Jahrhundert und wurde in der antiken Stadt Maxula östlich von Tunis gefunden.

Im Saal der Meeresmosaiken werden an den Wänden große Mosaike mit Meeresszenen präsentiert: Landschaften am Meer, Nereiden, Seeungeheuer und Delphine sind zu sehen. Ein Raum weiter, im Saal des Mausoleums von Karthago, sind Mosaike mit geometrischen und tierähnlichen Mustern auf dem Boden und an den Wänden zu sehen. Sie wurden an verschiedenen Orten gefunden, vor allem in Thuburbo Majus und Karthago. In der Mitte dieses Raumes steht ein stuckiertes Mausoleum, das in Karthago auf einem Friedhof aus der römischen Kaiserzeit des ersten oder zweiten Jahrhunderts entdeckt wurde. Man kann noch Reitersoldaten und Feldzeichenträger sowie Fragmente von Stuck und Zierleisten erkennen.

Archäologischen Artefakte wie Grabsteinstelen und Götterstatuen aus Terrakotta aus der punischen Periode Tunesiens zwischen dem neunten und zweiten Jahrhundert vor Christus werden im Punischen Saal ausgestellt.

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Das Museumscafé erwies sich als Ort der Entspannung und Ruhe. Es gibt Tee und Kaffee, Kuchen und Gebäck. Im Hintergrund lief unaufdringlich aber eingängig Musik des großen französischen Chansonniers Charles Aznavour.
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Der römische Dichter Virgil und die beiden Musen Kalliope – die Muse der Poesie und Beredsamkeit, und Polymnia – die Muse der Pantomime. Frühes drittes Jahrhundert aus Hadrumetum.

Publius Vergilius Maro (Virgil genannt) war ein römischer Dichter, der während der Zeit der römischen Bürgerkriege und des Prinzipats des Octavian, des späteren Kaiser Augustus, lebte. Er gilt als wichtigster Autor der klassischen römischen Antike. Das Epos Aeneis liefert den Gründungsmythos der Stadt Rom unter Verarbeitung der mythologischen Stoffe aus den homerischen Epen Ilias und Odyssee. Auf dem Mosaik sieht man Virgil einen Vers der Aeneis schreiben. Es ist das einzige bekannte Mosaik, das den römischen Dichter zeigt.

Sehr beeindruckend wirkt auf mich der schmale und hohe Odysseus-Saal. Hier werden mehrere allegorische Mosaike von Venus und Neptun präsentiert sowie eine Darstellung von Odysseus und den Sirenen. Odysseus, der König von Ithaka und listenreiche Bezwinger der Trojaner bindet sich an den Mast seines Schiffes, um dem Gesang der Sirenen zu widerstehen. Das Mosaik wurde in einem Haus im römischen Thugga gefunden und stammt aus dem vierten Jahrhundert.

An den Stirnseiten des Odysseus-Saal hängen zwei weitere Mosaiken mit bekannten Themen der Mythologie. Der Gott Apollo siegt im musikalischen Wettstreit über Marsyas, umrahmt von den Büsten der vier Jahreszeiten. Das Mosaik aus dem späten zweiten Jahrhundert stammt aus Thysdrus. Gegenüber findet die Krönung der Göttin Venus statt, die von sechs tanzenden Kriegerinnen begleitet wird. Das Mosaik wurde in einem in Karthago gefunden und ist auf das späte vierte Jahrhundert datiert.

Im Thugga-Saal sind Mosaike aus der römischen Kleinstadt Thugga ausgestellt. Ein Hauptwerk ist das große Mosaik Der Gott Neptun und die vier Jahreszeiten aus einer privaten Therme bei Caput Vada. Im Zentrum der Darstellung erscheint Neptun mit gekröntem Haupt und auf einer Quadriga, die von vier Seepferdchen gezogen wird. An den Ecken befinden sich vier weibliche Figuren, welche die Jahreszeiten symbolisieren. Neptun wird hier nicht nur als Herrscher der Ozeane verehrt, sondern auch als Erneuerer der Natur und Gott der guten Ernten.

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Antike Fankultur: Mosaik mit dem Wagenlenker einer Quadriga

Ebenfalls im Thugga-Saal des Nationalmuseum von Bardo hängt ein Mosaik, das den siegreichen Wagenlenker einer Quadriga zeigt. In der linken Hand hält er den Lorbeerzweig des Siegers. Der Schriftzug auf dem Mosaik zeigt den Namen des Wagenlenkers Eros, gefolgt von Omnia per te (Eros, alles für dich) oder Omnia per ie (Eros, alles durch deine Gnade). Auch zwei der Pferde werden namentlich genannt, nämlich Amandus und Frunitus. Laut der Beschriftung im Bardo-Museum soll er für die Fraktion (Rennstall) der Roten gefahren sein. Andere meinen, dass er aufgrund der Farbe seiner Kleidung für die Grünen angetreten ist. Auf jeden Fall waren er und sein Gespann wohl ziemlich erfolgreich und berühmt. Datiert ist das Mosaik auf das vierte Jahrhundert. Gefunden wurde es in einem Haus im antiken Thugga.

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Antike Fankultur: Mosaik von Isaona

Vom Circus in die Arena der Amphitheater führt den Betrachter das so genannte Mosaik von Isaona (Für die Ewigkeit). Es zeigt die Logos von fünf Vereinen (sodalitates), in denen sich die Veranstalter von Tierhetzen organisiert haben. Sodalitates waren die nordafrikanische Variante der collegia. Vermutlich pflegten sie die wilden Tiere, halfen bei ihrer Beschaffung und heuerten die Kämpfer (venatores) an, sofern es sich nicht um verurteilte Verbrecher handelte.

Einige der Vereinslogos sind bekannt. Die fünfzackige Krone, die fünf Fische einfasst wird den Pentasii zugeordnet. Die drei vertikalen Balken, die von einem horizontalen Balken und einem S gekrönt sind, den Sinematii. Zentral ist eine Figur mit Sichelstab dargestellt, die von dem Ausruf haec vos soli (Nur ihr vermögt, solche Dinge zu tun) begleitet wird. Es handelt sich um die Telegenii. Das Mosaik stammt aus Thysdrus und wurde wohl im späten drittes oder frühen vierten Jahrhundert angefertigt.

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Eingangshalle des Bardo Museums mit Mosaik und Marmorstatue der Concordia, der Personifikation der Eintracht in der römischen Mythologie.
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Erinnerung an ein tragisches Ereignis: Am 18. März 2015 wurde das Museum Ziel eines Terroranschlags, bei dem 22 Menschen starben.

Leider war während meines Besuchs Anfang Mai 2024 die obere Etage wegen Umbauarbeiten geschlossen. Zumindest über Google Maps-Street View kann man einen Blick auf die dortigen Ausstellungsobjekte werfen.

Webseite des Nationalmuseum von Bardo in Tunis und auf Google-Maps. Aktuellere Informationen zum Nationalmuseum von Bardo und weitere Informationen findet man auf der Webseite der Agentur für die Entwicklung des Kulturerbes und der Kulturförderung Tunesiens.

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