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Cambodunum – das Römerfest in Kempten

Kempten klingt wie campen, ist aber was anderes. Ein Wochenende aus den Spuren der Römer im Alpenvorland. Cambodunum – das Römerfest in Kempten.

Cambodunum – das Römerfest in Kempten im Allgäu ist das Ziel meines Wochenendtrips Anfang August. In Deutschland ist es gerade sehr heiß. Morgens um halb sechs geht es los zum Flughafen Tegel, meine Straße liegt in friedlicher Ruhe da. Nach einer Stunde Flug, Becher Kaffee, kompaktem Käsebrot und kleiner Tüte Wasser (Smart Tarif) landet die Eurowings-Maschine in Stuttgart. Kurz einkaufen, Mietwagen aus dem Parkhaus holen (P4, A0, Straße Rom ;-) und ab über die A8 und A7 nach Kempten. Um halb elf komme ich an, an der Hotelrezeption werde ich gefragt, ob ich auschecken will. Nein, will ich nicht, einchecken geht aber noch nicht. Also gebe ich mein Gepäck ab und lasse mir von der freundlichen Dame an der Rezeption erklären, wie ich am besten zum Archäologischen Park komme. Ein kostenloser Shuttlebus fährt vom in der Nähe liegenden Bahnhof ab. Los geht’s und 30min später bin ich da. Der Eintritt kostet 10 Euro.

Die meisten Besucher drängen sich gerade um die provisorische Sandarena und die dort kämpfenden Gladiatoren. Die Stimmung kocht hoch, die Temperaturen auch. Es ist jetzt schon heiß. Das Römerfest in Kempten ist eines der kleineren Veranstaltungen dieser Art. Klein, aber fein. Um 12.30 Uhr treten die bekannten Timetrotter als Reiter Roms an, in Kettenhemd und Helm. Wie es sich wohl unter der silbernen Gesichtsmaske anfühlt? Auch eines der Pferde trägt eine Art Rüstung. Respekt. Was muss, das muss. Da haben es um 14.00 Uhr die Darsteller des Stückes “Spiele für den Kaiser” besser. Sie tragen Tunika und Toga. Da es dauert, bis der Kaiser bereit ist, verziehen sich die Legionäre der Leibwache erstmal in den Schatten. Im Sand wird noch mal der Ablauf skizziert, während das Publikum in der Sonne steht und wartet.

Reiter Roms: Die Ala Prima Thracum Victrix beim Römerfest in Kempten 2018

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Mitglieder des Vereins Ballistarii Camboduno stellen römische Legionäre aus dem 1. Jahrhundert dar.

Auch der Name eines echten Legionärs aus Cambodunum ist überliefert durch die Inschrift auf einem Grabstein: Tiberius Claudius Satto, Veteranen der 10. Legion Gemina, starb im Alter von 60 Jahren in Aquincum (Budapest). Den Grabstein errichtete seine Frau Ulpia Ursula.

Dann kommt Kaiser Vespasian, klettert dort wo zu römischen Zeiten die Basilika stand auf ein Podium, gibt sich leutselig und lobt die Entwicklung Cambodunums. Dem antiken Vorbild entspricht er nur wenig, aber die ganze Geschichte ist ja ohnehin erfunden. Der echte Vespasian hatte zu der Zeit nach dem ersten Vierkaiserjahr gerade seine drei Konkurrenten beseitigt und war damit beschäftigt, die von Kaiser Nero ruinierten Staatsfinanzen zu sanieren. Der falsche Vespasian begibt sich wieder in seine falsche Sänfte (mit Rädern), die Legionäre seiner Leibwache bauen sich auf und bahnen sich ihren Weg durch das Publikum. Mein Magen knurrt und es wird Zeit, etwas zu essen und zu trinken. Statt lukanischer Wurst und Mulsum verlangt der Barbar in mir Bratwurst und Bier. Danach schaue ich mir die Überreste der Thermen an. In der Halle ist es etwas kühler und fast andächtig still. Ganz anders als in der Antike, wie der römische Philosoph Seneca der Jüngere aus dem Kur- und Badeort Baiae einem Freund schrieb:

"Von allen Seiten umtönt mich wirrer Lärm, denn ich wohne gerade über den Bädern. Stelle dir jetzt einmal alle Arten von Tönen vor, die es einen bedauern lassen, dass man Ohren hat. Wenn die Kräftigeren ihre Leibesübungen treiben und dabei ihre Hanteln schwingen, wenn sie sich abarbeiten oder auch bloß so tun, dann höre ich ihr Stöhnen und, sobald sie dem angehaltenen Atem wieder seinen Lauf lassen, ihr Zischen und heftiges Keuchen. Wenn ich aber auf einen Müßiggänger stoße, der sich bescheiden nach plebejischer Manier salben lässt, so höre ich das Klatschen der Hand auf den Schultern, das seinen Ton ändert, je nachdem die Hand flach oder hohl aufschlägt."

Auch die Ballspieler und Schwimmer, die Händler, die Verkäufer und Kellner der umliegenden Tavernen bekommen in Senecas Brief noch ihr Fett weg. Welch schlimmes Schicksal. Ich gehe weiter und bei den öffentlichen Latrinen der Themenanlage muss ich an Kaiser Vespasian denken. Die Redewendung „Geld stinkt nicht“ geht auf die von ihm eingeführte Latrinensteuer zurück. Auf dem Rückweg kaufe ich mir ein Eis und schlendere an den Ständen der Handwerker und Händler, Darsteller und Schausteller vorbei. Am Stand des Vereins Ballistarii Camboduno e.V. kann man sich Nachbauten römischer Pfeilgeschütze erklären lassen. Antike Spitzentechnologie. Gegenüber bruzzelt über einem Lagerfeuer ein Spanferkel. Mahlzeit.

Ich bummele weiter durch den archäologischen Park, der sowohl Park als auch archäologische Ausgrabungsstätte ist. Am Augustus-Denkmal biege ich ab, vorbei an der Schaugrabung gehe ich in den gallo-römischen Tempelbezirk von Cambodunum. Dort stehen einige rekonstruierte Tempel. Laut Programmheft findet hier nachher eine römische Modenschau statt. Modische Favoriten bei den Besuchern des Römerfestes sind Cargo-Shorts und T-Shirts. Gerne auch mal mit Motiv wie “Volksfront von Judäa”. Das Leben des Brian lässt grüßen. Ich bin gespannt, wie die Kleidung und Mode früher war. Im Tempelbezirk standen ursprünglich 13 Tempel und heilige Bauwerke, die auf drei Seiten von einer Säulenhalle umgeben waren. Die Tempel waren römischen Göttern und hauptsächlich aus den gallischen Provinzen übernommenen Göttern geweiht. Jetzt findet hier eine Weiheszeremonie statt. Mit der Weihe wird der Schutz der Götter erbeten. Für eine Person, eine Gruppe oder einen Gegenstand. Die Zeremonie führt heute ein Familienoberhaupt, ein pater familias, durch. Die Köpfe aller Anwesenden sind bedeckt, der Pinienzapfen kokelt und qualmt. Als erster Gott wird Jupiter angerufen. Der Weihetext muss fehlerfrei vorgetragen werden, sonst funktioniert das nicht mit dem Schutz der Götter. Solche Weihen gibt es heute auch noch. Kürzlich las ich von der Weihe eines neuen Feuerwehrfahrzeuges, mit der der Schutz des heiligen Florian für Fahrzeug und Besatzung erbeten wurde. Florian war im 3. Jahrhundert Offizier der römischen Armee und kam bei der Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian um.

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Nachbildung der Statue Kaiser Augustus als "Augustus von Primaporta". So wird die 2m hohe Panzerstatue des ersten römischen Kaisers Augustus nach ihrem Fundort in Primaporta, einem Stadtteil Roms, genannt.

Um 17.00 Uhr fängt die römische Modenschau an. Die veranstalten Mitglieder des Vereins Raetici Romani – Veterani Rapacis et Primigeniae aus Osterburken und das machen sie richtig gut. Unterhaltsam und informativ erklärt die Sprecherin, wie verschiedene militärische und zivile Mitglieder einer kaiserlichen Provinzverwaltung aussahen und was Frauen in der Antike trugen und mitunter zu ertragen hatten.

Das Publikum lernt eine Menge Adelige kennen. Wie den Legionslegaten, der zwei bis drei Jahre beim Militär abreißt, und dann, wenn kein Krieg dazwischenkommt, eine politische Laufbahn einschlägt. Dann einen senatorischen Tribun, einen jungen Mann um die 20 Jahre alt. In den Augen der Legionäre ein Mann ohne militärische Erfahrung und militärischen Nutzen. Ganz anders der Lagerpräfekt, der sich aus dem Mannschaftsdienstgrad hochgearbeitet hat, als Centurio eine Hundertschaft befehligte und nach vielen Dienstjahren zum ranghöchsten Centurio der Legion, dem Primus Pilus aufstieg. Jetzt steht er vor der letzten Verwendung seiner Karriere und wurde in den Ritterstand aufgenommen. Ein ebenso verdienter Soldat ist der Vexillarius. Er trägt das Feldzeichen der Legion, bekommt mehr Sold als die einfachen Legionäre und ist vom normalen Dienst befreit. An der Ausrüstung des folgenden Legionärs erkennt man, dass er zu Zeiten der Römischen Republik und nach der Heeresreform des Konsuls Gaius Marius dient. Er ist Berufssoldat, die Ausrüstung stellt der römische Staat. Sein Gepäck muss er selber tragen, weshalb man ihn und seine Kameraden Marius Mulis nennt. Schließlich kommt der Provinzstatthalter. Als Angehöriger des Senatorenstandes trägt er eine mit einem breiten Purpursaum versehene Toga. Seine Begleiter und Beschützer sind die Liktoren. Sie tragen Rutenbündel mit einem Beil darin, das man fasces nennt. Die italienischen Faschisten haben das Liktorenbündel als Symbol verwendet. Ebenso findet es sich im Siegel des Senats der Vereinigten Staaten, im Wappen des Kantons St. Gallen und dem Gemeindewappen von Ühlingen-Birkendorf in Baden-Württemberg. Vielleicht kommt bei „Wer wird Millionär” ja einmal die Frage, was haben der US-Senat, der Kanton St. Gallen und die Gemeinde Ühlingen-Birkendorf gemeinsam?

Aber nicht nur Männer der römischen Antike werden vorgestellt, auch Frauen. Die römische Frau war nicht gleichberechtigt, aber vielfach besser gestellt als in späteren Jahrhunderten. Erwartet wurde gemeinhin, dass sich Frauen auf Haus und Kinder konzentrieren. Das war aber auch schon seinerzeit nicht für alle Frauen der passende Lebensentwurf. Frauen nahmen am öffentlichen Leben teil, gingen einem Beruf z.B. als Ärztinnen und Hebammen nach oder waren Unternehmerinnen. Aus der Hafenstadt Ostia sind Inhaberinnen von Manufakturen, Händlerinnen und Gastwirtinnen bekannt. Sobald die väterliche Herrschaftsmacht endete, konnten Frauen ohne Vormund erben und vererben, sich scheiden lassen und Geschäfte betreiben. Am politischen Leben nahmen Frauen vor 2000 Jahren nicht teil, sie durften weder wählen noch gewählt werden. Diese Rechte bekamen sie weltweit erstmals vor etwa 200 Jahren, in Deutschland vor 100 Jahren. Die Darstellerin der römischen Braut schaut, wie römische Bräute wohl oft geschaut haben: nicht besonders glücklich. Üblicherweise wurden in der römischen Oberschicht die Töchter im Alter von 13 oder 14 Jahren verheiratet, um eine politische oder geschäftliche Verbindung mit der Familie des Schwiegersohnes einzugehen. Eine weitere Darstellerin verkörpert Livia Drusilla, die Ehefrau Kaiser Augustus. Sie war der zeitgenössische Gegenentwurf zur mondänen ägyptischen Königin Kleopatra, die mit Augustus Widersacher Marcus Antonius verbündet und seine Geliebte war. Livia gab nun den neuen Dresscode für die Frauen der römischen High Society vor. Keine kostbaren, durchscheinende Stoffe mehr, sondern ein schlichtes, ärmelloses Kleid. Am besten selbstgesponnenen aus römischer Wolle. Natürlich auch kein üppiger Schmuck. Dabei war Livia Drusilla kein Heimchen am Herd. Der tugendhafte Stil war Teil des moralische Erneuerungsprogrammes Kaiser Augustus. Mehr Symbolik als Realität. Und später wurde der Luxus auch wieder öffentlich zur Schau gestellt.

Mit neuen Bildern und Gedanken über die alten Römer und Römerinnen fahre ich mit dem Shuttlebus ins Hotel, checke ein und genieße die Klimaanlage. Das war Cambodunum – das Römerfest in Kempten. Am Sonntag will ich eine Tour durch das römische Alpenvorland machen.

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