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Esposizione Universale di Roma: Diktatur und Antike

Ein neues Stadtviertel für die Weltausstellung 1942 sollte den Faschismus städtebaulich als Wiederauferstehung des antiken römischen Imperiums verherrlichen. Heute findet das bauliche Erbe der Mussolinizeit in Italien eine oft wohlwollende Betrachtung. Ein Spaziergang durch Esposizione Universale di Roma.

Esposizione Universale di Roma ist der Name des ab 1938 im Süden Roms errichteten neuen Stadtviertels, heute kurz EUR genannt. Hier sollte nach dem Willen des italienischen Faschisten-Führers Mussolini die Weltausstellung 1942 stattfinden. Der Zweite Weltkrieg zerstörte die Pläne des Duce und legte die Bauarbeiten lahm. In den 1950er-Jahren wurden die geplanten Bauten nahezu unverändert im Stil des italienischen Rationalismus und im neoklassischen Stil der Scuola Romana fertiggestellt. Der Stadtteil entwickelte sich zum Verwaltungszentrum und teuren Wohnviertel.

Eines der bekanntesten und frühesten Bauwerke in Esposizione Universale di Roma ist der Palast der italienischen Zivilisation (Palazzo della Civiltà Italiana). Das im Volksmund quadratisches Kolosseum genannte Gebäude entstand zwischen 1938 und 1943. Die Fassade des 50 Meter hohen Baus ist geprägt von 216 Rundbogenarkaden. Die jeweils neuen Bögen auf sechs Stockwerken sind eine Huldigung an Benito Mussolini und entsprechen der Anzahl der Buchstaben in seinem Namen. Der Sinnspruch auf jeder Seite des Kubus stammt aus einer seiner Reden zum Überfall auf Äthiopien im Jahr 1935 und lautet: Ein Volk der Dichter, der Künstler, der Helden, der Heiligen, der Denker, der Wissenschaftler, der Seeleute, der Wandernden.  

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Der Palazzo della Civiltà Italiana im Stadtviertel EUR in Rom für die Weltausstellung 1942

Wie die Bauwerke der Antike schmücken den Palast der italienischen Zivilisation zahlreichen Statuen. An den vier Ecken wachen die mythologischen Dioskuren Castor und Pollux mit ihren Pferden als Schutzgötter über das römische Volk.

Weitere 28 Statuen in den unteren Rundbögen stehen allegorisch für die Tugenden des italienischen Volkes: Heldentum, Musik, Handwerkskunst, politisches Genie, soziale Ordnung, Arbeit, Landwirtschaft, Philosophie, Handel, Industrie, Archäologie, Astronomie, Geschichte, Erfindergeist, Architektur, Recht, Navigation, Bildhauerei, Mathematik, das Genie des Theaters, Chemie, Druck, Medizin, Geografie, Physik, das Genie der Poesie, Malerei und das militärische Genie. Die 3,40 Meter hohen Skulpturen sind aus Carrara-Marmor gefertigt.

Nach Jahren des Leerstandes und einer aufwendigen und teuren Renovierung zog 2015 das italienische Modelabel Fendi in den colosseo quadrato. Mit einer Lichtshow wurde das neue Hauptquartier als Inbegriff einer klassischen und elitären Eleganz gefeiert, der sich auch Fendi mit seiner Mode verpflichtet sieht.

Was die einen als Bauwerke zeitloser Eleganz bewundern, ist für andere Ergebnis einer politischen Architektur, die Menschen “einschüchtern oder verführen, sie in den Marschtritt von Kolonnen einüben, sie aus dem Gleichgewicht bringen, blenden und von Missständen ablenken” soll, wie Dankwart Guratzsch in einem Beitrag über das Bauen von Diktatoren in der Welt schrieb.

In Nachbarschaft des neuen Fendi-Hauptquartieres liegt ein weiterer Bau aus der Mussolini-Zeit: der Palazzo degli Uffici. Es war das erste Bauwerk in dem neuen Stadtteil und das einzige, das vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges fertiggestellt wurde. Das von Gaetano Minnucci entworfen Gebäude diente dem damaligen Gremium für die Weltausstellung in Rom als Verwaltungssitz. Heute befinden sich Büros und Geschäfte in dem Haus. Im Seitenflügel, an der Via Ciro il Grande, ist eine Polizeistation untergebracht.

An der Fassade über dem Portikus ist die Inschrift zu lesen: Das dritte Rom wird sich über andere Hügel entlang der Ufer des heiligen Flusses bis zu den Stränden des Tyrrhenischen Meeres ausbreiten. Auch dieser Satz stammt aus einer Rede Mussolinis und prophezeit eine neue, dritte, Ära für Rom. Gemeint ist damit die Zeit nach Antike und dem Rom der Päpste. Dann solle sich das Territorium der Stadt bis zum Meer hin ausdehnen.

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Der Palazzo degli Uffici

Das 14 Meter hohe Flachrelief aus Travertinplatten neben dem Eingang zur Polizeistation ist eine Art Erzählung der Geschichte Roms entlang seiner Bauwerke. Sie beginnt mit den Ursprüngen Roms bei Romulus und Remus und endet mit dem Aufstieg des Faschismus. Benito Mussolini wird am Fuße des Reliefs, das der Bildhauer Publio Morbiducci geschaffen hat, auf einem Pferd reitend dargestellt.

Vor dem Gebäude steht eine Bronzestatue des Künstlers Italo Griselli, die ihre faschistische Herkunft durch den zum Gruß erhobenen rechten Arm immer noch auf den ersten Blick zeigt. Der Il Genio dell ‘Fascismo wurde nach dem Krieg zum Il Genio dello Sport umgearbeitet. Doch die Bronzebänder an seinen Händen und Handgelenken, die aus ihm einen Boxer machen sollen, der seinen Sieg feiert, erkennt man nicht einmal auf den zweiten Blick richtig.

Weiter unten die Straße entlang steht der Palazzo dei Ricevimenti e dei Congressi. An der Veranstaltungshalle mit dem klassischen Aussehen wurde von 1937 bis 1942 gebaut. In den Kriegsjahren stoppten die Arbeiten. Mit einigen Änderungen am ursprünglichen Konzept wurde das Gebäude dann 1954 fertiggestellt, in den 1990er Jahren erfolgte eine Sanierung. 

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Der Palazzo dei Ricevimenti e dei Congressi

Der Palazzo dei Congressi wird heute noch für Veranstaltungen genutzt und zusammen mit dem modernistischen La Nuvola 500 Meter entfernt vom Roma Convention Center betrieben. Ein Video des Betreibers zeigt, wie der Kongresspalast jetzt von innen aussieht.

Eine der Sichtachsen in Esposizione Universale di Roma bildet die Straße Viale della Civiltà del Lavoro. Wie eine antike Decumanus Maximus verbindet sie als Ost-West-Hauptachse den Palazzo della Civiltà Italiana mit dem Palazzo dei Congressi.

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Blick auf den Palazzo della Civiltà Italiana

In Nachbarschaft des Kongresspalastes liegt eine Straße weiter in Esposizione Universale di Roma ein weiterer Gebäudekomplex, der für die Weltausstellung 1942 geplant wurde. Er wurde gebaut, um die Ausstellung der antiken römischen Kultur zu beherbergen. Im Gegensatz zu den anderen für die Weltausstellung entworfenen Gebäuden, verfügt das Museo della Civiltà Romana über eine Außenfassade aus dunklem Tuffstein. Den Kontrast dazu bilden die Säulen der Eingangsbereiche und die Kolonnade aus hellem Travertinstein.

Das neoklassische Museumsgebäude wurde von Architekten unter der Leitung von Pietro Aschieri entworfen und als Public-private-Partnership vom Automobilunternehmen Fiat finanziert. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Museum fertiggestellt und 1955 eröffnet. Der u-förmige Bau verfügt über zwei Eingänge, die sich gegenüber liegen und von gigantischen Säulen gerahmt sind. Die beiden Gebäudeteile sind durch eine Kolonnade miteinander verbunden.

Zwischen den Gebäudeflügeln und vor der Kolonnade war einen monumentalen Platz mit einem rechteckigen Wasserbecken und einer Reiterstatue vorgesehen. Heute parken hier rund um einen Grünstreifen Autos.

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Das Museo della Civiltà Romana

Das Museum ist seit 2014 wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Als ich zwei Jahre zuvor in Rom war, habe ich mir die Ausstellung, zu der auch das große Modell Roms aus konstantinischer Zeit und die Gipsabdrücke der Trajanssäule gehören, angesehen. Heute kann man lediglich die Statue von Augustus durch eine Gittertür betrachten. Mit der Augustus-Ausstellung 1937 in Rom zum 2000. Geburtstag des römischen Kaisers und Begründer der Pax Romana, wollten die italienischen Faschisten einen direkten Bezug zu sich herstellen. Wie Augustus, so der Tenor der Ausstellung, habe auch Mussolini Ordnung und Wohlstand geschaffen.

Auf dem Weg zu einem weiteren Bau für die Weltausstellung 1942, der Basilika St. Peter und Paul, überquert man wieder die mehrspurige Via Cristoforo Colombo. Sie bildet die Nord-Süd-Achse in Esposizione Universale di Roma und verbindet das historische Stadtzentrum von Rom mit der Hafenstadt Ostia. Die frühere Via Imperiale entspricht dem Verlauf einer Cardo Maximus der antiken Städte und Kasernen im Imperium Romanum.

An zentraler Stelle, der ehemaligen Piazza Imperiale, stehen noch heute die monumentalen Gebäude, in denen Museen und wissenschaftliche Einrichtungen wie in einem riesigen Säulenforum untergebracht sind. Den Mittelpunkt auf der Piazza bildet ein Obelisk, der allerdings nicht wie die anderen Obelisken in Rom antik ist, sondern neu im ägyptischen Stil geschaffen und 1959 fertiggestellt wurde.

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Der Obelisk auf der Via Cristoforo Colombo.
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Der Marconi-Obelisk ehrt den italienischen Physiker Guglielmo Marconi. Im Jahr 1939 wurde der Obelisk in Auftrag gegeben und nach dem Krieg im Jahr 1959 endgültig fertiggestellt und eingeweiht. Im Hintergrund der Palazzo dell’Arte Moderna.

Hält man sich auf dem Weg zum monumentalen und kuppelgekrönten Zentralbau der Basilika St. Peter und Paul links, gelangt man zu einer weiteren Ost-West-Blickachse, zur heutigen Straße Viale Europa.

Sie verbindet das für die Weltausstellung geplante Museum für die italienischen Streitkräfte, in das später das Zentrale Staatsarchiv eingezogen ist, mit der auf einem Hügel stehenden Kirche. Sie war die erste Gotteshaus in EUR und ist nach dem Petersdom die zweitgrößte Kirche Roms. Auch die Basilika St. Peter und Paul wurde für die Weltausstellung entworfen. Im Jahr 1938 begannen die Arbeiten unter der Leitung des Architekten Arnaldo Foschini, bis 1941 wurde der Rohbau noch fertiggestellt. Erst 1953 wurden die Bauarbeiten zur Fertigstellung der Kirche wieder aufgenommen. Zur Kirche führt eine flach ansteigende Freitreppe hinauf, die von zwei Monumentalstatuen der Apostel Petrus und Paulus flankiert wird.

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Blick über die Straße Viale Europa auf das italienische Staatsarchiv. Die Ost-West Blickachse verbindet das Staatsarchiv mit der Kirche St. Peter und Paul.
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Freitreppe zur Basilika St. Peter und Paul im Stadtteil Esposizione Universale di Roma
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Die Basilika St. Peter und Paul mit den beiden Monumentalstatuen der Apostel Petrus und Paulus

Die einzigen beiden auf Hügeln stehenden Gebäude für die Weltausstellung 1942 in Rom, die Basilika St. Peter und Paul und der Palast der italienischen Zivilisation, prägen den Stadtteil Esposizione Universale di Roma.

Doch nicht nur in EUR finden sich zahlreiche Beispiele des Rationalismus und des umfangreichen Bauprogramms des faschistischen Italiens. Rom Sportstättenanlage, die ehemalige Sportstadt Foro Mussolini zählt ebenso dazu, wie die Filmstadt Cinecitta und manches Bahnhofs-, Post- und Universitätsgebäude. Auch außerhalb der Hauptstadt wurden in zahlreichen Städten in Italien wie Palermo und Brescia und eroberten Gebieten wie z.B. auf der griechischen Insel Kos die Stadtbilder im Rahmen eines gigantischen Bauprogramms im Sinne der neuen Zeit mit einer Orientierung und Verbindung zur alten Zeit umgestaltet.

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