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Verlorene Römerstadt Waldgirmes

Beim hessischen Waldgirmes gründeten die Römer vor 2000 Jahren eine Stadt. Nach 20 Jahren wurde sie aufgegeben. Heute erinnert dort die Nachbildung eines Reiterstandbildes an die antike Stadtgründung und den gescheiterten Versuch, ganz Germanien zu romanisieren.

Rund 100 km östlich des Rheins, zwischen den heutigen Städten Wetzlar und Gießen, gründeten die Römer wohl um das Jahr 4 v. Chr. eine Stadt. Waldgirmes gilt als archäologischer Nachweis, was der römische Geschichtsschreiber Cassius Dio in seinem Werk so beschrieb:

“In eben jener Zeit hatten sich nämlich in Germanien folgende Ereignisse abgespielt: Die Römer hatten gewisse Teile davon in Besitz, nicht zusammenhängende Gebiete, sondern nur solche Bezirke, wie sie gerade unterworfen worden waren … Und römische Soldaten lagen dort in Winterquartieren, und man begann eben mit der Anlage von Städten. Die Barbaren selbst passten sich den neuen Sitten an, gewöhnten sich an die Abhaltung von Märkten und trafen sich zu friedlichen Zusammenkünften.”

Die römische Besiedlung bei Waldgirmes dauerte nur etwa 20 Jahre. Dann war der Versuch gescheitert, rechts des Rheins römische Siedlungs- und Verwaltungsstrukturen aufzubauen. Im Jahr 16 ziehen sich die Römer nach der verlorenen Varusschlacht und den auch nicht siegreichen Feldzügen des Germanicus an den Rhein zurück. Die römische Stadt bei Waldgirmes wird aufgegeben.

Archäologische Funde zeigen, dass bei Waldgirmes Römer und Germanen zusammenlebten. Die Einwohnerzahl war gering, man geht von rund 300 Menschen, mehrheitlich Zivilisten, aus. Doch die Römer hatten wohl mehr vor, denn das wenige Jahre nach Gründung errichtete monumentale Forum war im Vergleich zur Siedlungsgröße völlig überdimensioniert. Hinzukam, dass im großen Innenhof des Forums wahrscheinlich bis zu fünf lebensgroße und vergoldeten Reiterstandbilder standen oder stehen sollten. In Waldgirmes vertritt man die These, dass hier die Hauptstadt der neuen Provinz Germania Magna entstehen sollte.

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Moderne Interpretation eines Reiterstandbildes des römischen Kaisers Augustus von Heinrich Janke.

Im Jahr 2007 hat der Künstler und Designer Heinrich Janke anhand der bei Ausgrabungen in Waldgirmes gefundenen Bronzefragmente eine Nachbildung des mittleren Reiterstandbildes angefertigt. Seine moderne Interpretation orientiert sich am einzigen erhaltenen Reiterstandbild eines römischen Kaisers und verzichtet bewusst auf die Darstellung Kaiser Augustus als Feldherr und Imperator. Vielmehr wurde der Bronzeguss von Jahnke bewusst zivil und schlicht gehalten, um auf die überwiegend friedliche Nutzung der römischen Stadt Waldgirmes als Markt- und Handelsplatz hinzuweisen. Als Material für die Nachbildung des Sockels wurde wie in der Antike Muschelkalkstein verwendet.

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Schwarze Steine und Grundmauern markieren die Gebäudeteile des einstigen Forum

Diese Statuengruppen waren Ausdruck von pietas (Pflichtgefühl) und virtus (Tapferkeit) des Kaiserhauses, schreibt die Archäologin Gabriele Rasbach. Mit dem Abbild des Augustus im Zentrum der Gruppe könne auf den seitlichen Basen Ehrenstatuen für seinen Stief- und Adoptivsohn Tiberius und für seinen Stiefsohn Drusus den Älteren oder für seinen Großneffen Germanicus sowie für die beiden Söhne seines Freundes und Schwiegersohns Marcus Agrippa, Gaius und Lucius, gestanden haben. Die Gruppe hätte damit die von Augustus geplanten dynastischen Nachfolgeregelungen wiedergegeben. Angesichts der kaiserlichen Patchworkfamilie war das seinerzeit wohl keine ganz einfache Aufgabe.

Die Forschung geht davon aus, dass solche Statuen aus Stein oder Bronze besonders ab der augusteischen Zeit zur regelhaften Ausstattung von neu gegründeten und auf Dauer angelegten römischen Zentralsiedlungen gehörten. Insofern ist es keine Besonderheit das sie in Waldgirmes aufgestellt wurden, sondern unterstreicht vielmehr die Bedeutung des Ortes für die Römer.

Während der Ausgrabungen in Waldgirmes wurden an zahlreichen Fundstellen Fragmente der bronzenen Reiterstatuen gefunden. Im Jahr 2009 gelang dann ein ganz außergewöhnlicher Fund: aus einem über 11 m tiefen Brunnen wurde ein lebensgroßer bronzener Pferdekopf von herausragender Qualität geborgen. Ursprünglich war das Stück blattvergoldet.

Gefunden hat ihn ein Landwirt auf seinem Grundstück in Waldgirmes. Ein Gutachten hat den Wert der antiken Bronzeskulptur auf etwa 1,6 Millionen Euro geschätzt, wovon der Landwirt letztendlich – nach einem längeren Rechtsstreit mit dem Land Hessen – durch das Landgericht Limburg die Hälfte der Summe zugesprochen bekam. Inzwischen hat auch Hessen eine gesetzliche Regelung eingeführt, nach der solche Funde dem Staat gehören.

Lange Zeit war der Pferdekopf für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, dann wurde er in der Archäologieausstellung Bewegte Zeiten in Berlin präsentiert. Jetzt ist er dauerhaft im Museum auf der Saalburg zu sehen. Waldgirmes erhält eine Replik des Pferdekopfes aus dem 3D-Drucker des Fraunhofer-Instituts. Er soll dann im letzte Woche eröffneten Besucherzentrum beim Römischen Forum in Waldgirmes zu sehen sein.

Förderverein Römisches Forum Waldgirmes e.V. und Reenactment-Gruppe Legio I Germanica

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2 Replies

  1. Lieber Herr Dr Nährlich,

    wieder hervorragend beschrieben und fotografiert die römische Stadt Waldgirmes in der Garmania magna und dem Verwaltungsbezirk civitas taunensium mit Caput Hauptort Nida und unter Finanzprocurator Trier. Überraschend ist, dass es in Waldgirmes einen nachgebauter Grundriss des römischen Forums erhalten hat. Andere größere römische Städte wie das “teutsche Pompeji” Nida sind der Geschichtsvergessenheit Frankfurts zum Opfer gefallen.

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