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Das römische Verona und die Germanen

Das römische Verona: Schon unsere Vorfahren zog es nach Italien. Mal kämpften sie gegen Rom, mal für Rom, aber eigentlich immer um Rom, wie der Historiker Arnold Esch in dem Werk Deutsche Erinnerungsorte schrieb. Auch das römische Erbe Veronas spiegelt diese Beziehung wider.

Viele Deutsche waren schon einmal in Verona. Die ersten waren die Kimbern und Teutonen. Wegen Ernteausfällen und Hungersnöten zogen die antiken Klimaflüchtlinge 120 vor Chr. aus dem nördlichen Jütland ins nördliche Italien und kamen so den Römern in die Quere. Die lernten aus den anfänglichen militärischen Niederlagen, reformierten ihre Legionen, schufen unter dem Konsul Gaius Marius die erste Berufsarmee der Welt und schlugen erst die Teutonen und 101 vor Chr. die Kimbern in der Nähe von Verona vernichtend. Verona war wieder in römischer Hand. Im ersten Jahrhundert prosperierte die Stadt und profitierte von ihrer Lage an den Fernstraßen Via Postumia und Via Claudia Augusta. An Veronas Bedeutung als römisches Verwaltungs- und Handelszentrum erinnern noch heute Bauten und Zeugnisse aus der römischen Antike.

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Grabstelen der Sertorii Brüder

Das Museo Lapidario Maffeiano nahe der Piazza Bra war bei seiner Eröffnung vor 275 Jahren das erste öffentliche Antikenmuseum, das sich nicht mehr nur an adeligen Kreise richtete. Zwei Grabstelen erinnern an die beiden Sertorii Brüder, die in der XI. Legion dienten. Vielleicht waren sie 42 nach Chr. in der römischen Provinz Dalmatien stationiert und trugen während der Revolte des Statthalters Lucius Arruntius Camillus Scribonianus dazu bei, dass die XI. Legion zu Kaiser Claudius hielt und sich ihren Beinamen Claudia und die Ehrenbezeichnung Pia Fidelis („pflichtbewusst und treu“) verdiente.

Der schöne römische Ehrenbogen aus dem ersten Jahrhundert würdigt die Verdienste der Familie der Gavier. Das Bauwerk hat vier Schauseiten und einem großen torartigen Durchgang. Der Bogen ist nicht vollständig erhalten, so fehlen beispielsweise die Statuen in den Nischen. Dafür sind drei der vier Namen inschriftlich überliefert: Caius Gavius Strabo, Marcus Gavius Macro und Gavia. Worin ihre Verdienste bestanden, ist leider nicht mehr bekannt. Der Bogen aus weißem Kalkstein stand in römischer Zeit an der Via Postumia und wurde erst 1932 an der jetzigen Stelle zwischen dem Corso Cavour und dem Ufer der Etsch neu aufzubauen. Das römische Verona findet sich in einem Stück der antiken römischen Straßenpflasterung wieder. Im schwarzen Basalt unter dem Torbogen sind die Einkerbungen von Wagenrädern noch zu erkennen.

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Die Straße Corso Cavour in Verona

Das römische Verona hat deutliche Spuren im modernen Straßenbild hinterlassen. Der Corso Cavour ist heute immer noch eine schnurgerade Straße in der Altstadt von Verona. In antiken Zeiten verlief hier die Fernstraße Via Postumia und führte auf das Stadttor Porta Borsari zu. Anfänglich noch vor den Toren der Stadt lag damals das Amphitheater, die Arena, in der Gladiatorenkämpfe stattfanden.

Vielleicht haben sich die Gavier um den Bau der Arena verdient gemacht. Die wurde wohl unter Kaiser Tiberius um 30 n. Chr. gebaut, gut ein halbes Jahrhundert vor dem Kolosseum in Rom. Die klassisch gegliederte Fassade besteht aus zweigeschossigen Arkadenbögen. Die Fassade des Außenringes war aus weiß- und rosafarbigen Kalksteinblöcken gemauert. Von ihr ist nur noch ein kleiner Teil zu sehen, der so genannte Flügel, mit seinen vier Bögen. In Verona fanden einst 30.000 Zuschauer Platz. Nach den Arenen in Rom und Capua ist Verona die drittgrößte der erhaltenen antiken Amphitheater. Nicht weniger schön sind die Amphitheater in Nimes, Arles, Pula oder El Djem. Berühmt waren die Arenen einst für Gladiatorenkämpfe, heute finden in der Arena von Verona an der Piazza Bra berühmte Opernfestspiele statt. Während der Saison von Juni bis September zeugen die Werbeplakate und die Requisiten, die während der wechselnden Opern über die Spielzeit um die Arena gelagert werden, von dem traditionsreichen Festival.

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Das Amphitheater von Verona

Das Opernfestival in der Arena von Verona begann mit der ersten Aufführung der Oper Aida im August 1913. Seitdem wird jährlich – abgesehen von Kriegszeiten – das römische Amphitheater in das weltweit größte Freilichttheater verwandelt. Seit 1998 wird das Festival von einer privaten Stiftung, der Fondazione Arena di Verona, getragen. Vor Jahren hatte sie mit finanziellen Problemen und Affären zu kämpfen. Die meisten Touristen finden das Opernfestival trotzdem schön und nutzen die Arena als Fotokulisse.

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Fotokulisse: DiePiazza Bra und die Arena von Verona

Von den beiden Brücken über den Fluss Etsch aus der Zeit des römischen Verona steht heute noch die Ponte Pietra, eine römische Bogenbrücke aus dem ersten Jahrhundert. Mehrmals stürzte die Brücke im Mittelalter ein und wurde wieder aufgebaut. Im April 1945 sprengte die Deutsche Wehrmacht die Brücke, nur der rechte Brückenbogen blieb stehen. Ende der 1950er Jahre wurde die Brücke mit den aus dem Fluss geborgenen Steinblöcken wieder aufgebaut. Die hellen Kalksandsteine stammen aus der Zeit der Römer. Andernorts wie beispielsweise in Trier oder im spanischen Alcantara werden Römerbrücken noch für den Straßenverkehr genutzt.

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Römerbrücke Ponte Pietra in Verona

Auf der anderen Seite der Etsch breitet sich das römische Schauspieltheater terrassenartig vom Fluss bis auf die Spitze des Hügels San Pietro aus, auf dem sich ein Tempel befand. Mit den ersten Arbeiten für das Theater wurde 20 v. Chr. begonnen, in der Mitte des ersten Jahrhunderts stand das mächtige Bühnenhaus des Theaters. Ausladenden Sitzreihen aus Marmor boten 6000 bis 7000 Besuchern Platz. Bei den Ausgrabungen hat man Inschriften gefunden, die darauf hindeuten, dass es im römischen Verona eine dauerhafte Reservierung von Zuschauerplätzen gegeben hat, unter anderem für die Familie der Gavier. Im Mittelalter wurden in den verfallenden Theaterbereich ein Kloster und kleine Behausungen gebaut, die der Veroneser Kaufmann Andrea Monga später abreißen ließ, als er 1830 das Gelände kaufte. Heute gehört das Areal der Stadt Verona und im ehemaligen Kloster ist das Archäologische Museum untergebracht. Vom Bühnengebäude ist anders als z.B. im französischen Orange und syrischen Bosra leider nichts mehr erhalten.

Im Archäologischen Museum sind einige schöne Stücke ausgestellt, u.a. die Marmorstatue eines togatragenden Mannes, genannt Pinali-Redner. Die Toga, das römische Gewand freier Bürger, ist hier nicht sieben, sondern nur zweimal um den Körper gewickelt. Hergestellt wurde die Statue in Griechenland im 2. Jahrhundert und im 18. Jahrhundert wurden der Kopf, wohl von dem Bildhauer Antonio Canova, und die rechte Hand von Luigi Zandomeneghi ergänzt. Die Statue war Teil der Sammlung des 117. Dogen von Venedig, Marco Foscarini. Im Jahr 1817 wurde sie von Gaetano Pinali gekauft und in seiner Villa in der Nähe der Porta Leoni in Verona ausgestellt. Im Jahr 1844 spendete er die Statue an die Stadt Verona.

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Marmorstatue Pinali-Redner

Außerdem werden mehrere Mosaike mit Motiven von Gladiatoren und Wagenlenkern gezeigt. In der Größe und Ausdrucksstärke reichen sie jedoch nicht an vergleichbare Motive aus anderen Museen wie beispielsweise in Madrid heran.

Über die antike Hauptstraße decumanus maximus geht es zum ehemaligen Forum von Verona. Hier standen einst der Kapitolstempel, die Basilika und andere öffentlichen Gebäude, aber auch Geschäfte und Gaststätten. Wo früher der Mittelpunkt des römischen Veronas war, liegt heute die quirlige Piazza Erbe mit seinen Marktständen der Händler und der korinthischen Marmorsäule mit dem Markuslöwen. Er erinnert daran, das Verona auch 400 Jahre zur Republik Venedig gehörte. Leider ist der Palazzo Maffei mit den Götterstatuen Zeus, Apoll, Venus, Minerva, Merkur und Herkules auf dem Dach wegen Bauarbeiten eingerüstet. Auch die Statue auf dem Brunnen der Madonna Verona hat antike Bezüge: Der Torso stand einst auf dem Forumsplatz von Verona.

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Die Piazza Erbe in Verona

Weiter über die decumanus maximus kommt man zur Porta Borsari, dem südwestlichen Stadttor Veronas an der Via Postuma. Das Doppeltor war Teil der knapp einen Kilometer langen Stadtmauer. Im dritten Jahrhundert wurden unter Kaiser Gallienus die Stadtmauer und die Stadttore zum Schutz gegen germanische Stämme verstärkt und erweitert. Die Fassade der dreigeschossigen und monumental gestalteten Porta Borsari aus dem dritten Jahrhundert ist bis heute gut erhalten. Den Namen Porta Borsari bekam das Stadttor im Mittelalter. Der römische Name des Tores war Porta Iovia, aufgrund des in der Nähe gelegenen Jupitertempels.

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Römisches Stadtor Porta Borsari

Vielleicht zog der weströmische Feldherr Flavius Stilicho mit seinen Truppen hier durch. Rund 400 Jahre nach den Kimbern und Teutonen besiegte der Sohn eines Germanen und einer Römerin im Sommer 402 in der Nähe von Verona die germanischen Goten. In Stilichos Heer dienten regulär viele Germanen. Im gotischen Heer viele Römer, denn der Gotenkönig Alarich war vom oströmischen Reich als Heermeister eingesetzt worden.

Wenige Jahre später waren die Goten siegreich und plünderten sogar Rom. Dabei wollten sie doch eigentlich nur auch einen Platz im Imperium Romanum und an dessen Wohlstand teilhaben. Mal kämpften die Germanen gegen Rom, mal für Rom, aber eigentlich immer um Rom. Das römische Verona kennt diese Geschichten.

Die Fotos stammen aus dem Jahr 2019. Jetzt ist die Stadt und die angrenzende Region Lombardei ganz besonders schlimm vom Coronavirus betroffen. Haltet durch, alles wird gut #andratuttobene

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