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Die Antiken in den Vatikanischen Museen: Museo Braccio Nuovo

Vor 199 Jahren eröffnete ein Neubau in den Vatikanischen Museen. Im Braccio Nuovo sind seitdem bedeutende Meisterwerke antiker Bildhauer ausgestellt. Die Architektur und der verbaute Marmor aus Gebäuden der römischen Epoche bilden einen idealisierten Raum der Antike. Am Anfang der Geschichte steht aber erst einmal ein Kunstraub.

Kriege sind auch immer eine Gelegenheit, Kunstwerke zu rauben. Napoleons Italienfeldzug 1796 und 1797 war in dieser Hinsicht nicht nur der Beginn einer einzigartigen militärischen Karriere. Die hunderte erbeuteten Skulpturen und anderen Kunstgegenstände, die nach Frankreich verschafft wurden, waren auch der Beginn eines neuen und grandiosen Museums: dem Louvre. Doch die Freude an den “revolutionären Beschlagnahmungen” währte nicht lange. Nach der Schlacht von Waterloo und der Etablierung der Nachkriegsordnung auf dem Wiener Kongress von 1815, holten sich Delegationen aus ganz Europa ihre Kunstschätze zurück. Zumindest die, die sie fanden und für die sich der Transportaufwand lohnte. Auch in den Vatikan kehrten die Kunstgegenstände zurück und Papst Pius VII. ließ eine neue Abteilung des Chiaramonti Museums für die klassischen Skulpturen bauen: den sogenannten Braccio Nuovo (neuen Flügel).

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Die Braccio Nuovo Galerie mit dem Kassettengewölbe mit Oberlichtern und Mosaikfußboden

Der Braccio Nuovo wurde unter der Leitung des römischen Architekten Raffaele Stern, und nach dessen Tod von seinem Nachfolger Pasquale Belli, zwischen 1817 und 1822 gebaut. Der neue Gebäudeflügel geht im rechten Winkel vom Museo Chiaramonti ab, hinüber zum Museum der Apostolischen Bibliothek und schließt die Ostseite des Gartens della Pigna ab. Er besteht aus einem großen länglichen Saal, der 68m lang und 8m breit ist. In der Mitte erweitert sich der Saal auf der einen Seite zu einer halbrunden Exedra, auf der anderen Seite zu einer Art von Vestibül, das zum Pinienhof hinaus führt. Die neue Flügel ist im korinthischen Stil verziert und mit einem Tonnengewölbe gedeckt, das mit Kassetten und Rosetten geschmückt ist. Durch zehn Deckenlichter fällt Tageslicht ein. In den Fußboden sind einige antiken schwarz-weiße Mosaiken eingebracht.

Entlang den Wänden der Haupthalle öffnen sich 28 Bogennischen mit ebenso vielen antiken Großstatuen von römischen Kaiserabbildungen und römische Kopien berühmter griechischer Originalstatuen. Zwischen den Bögen stehen Büsten auf Säulenstümpfen und darüber kleinere Büsten auf Wandkonsolen. Zu sehen sind schöne Meisterwerke wie die Büste der Julia Flavia, Tochter des römischen Kaisers Titus (links) oder die Büste der Göttin Juno (Pentini Typ).

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Antike Marmorstatuen und Büsten unter einem Stuckfries aus dem 19. Jahrhundert

Die linke Statue trägt ebenfalls die Gesichtszüge der Julia. In der Mitte steht die Statue eines Dichters und rechts Statue der Selene. Die Büste links zeigt den römischen Kaiser Pupienus.

Im oberen Bereich der Halle befinden sich Stuckfriese aus dem 19. Jahrhundert. Der Bildhauer Francesco Massimiliano Laboureur ließ sich von berühmten antiken Reliefs inspirieren.

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Stuckfries mit Motiven nach antiken Vorbildern

Das Fries zeigt den Flussgott Danuvius, der römische Legionäre beobachtet, die eine von ihnen errichtete Brücke über die Donau überqueren. Zumindest wird das entsprechende Motiv auf der Trajanssäule so erläutert. Die Figuren danach verkörpern vielleicht fliehende Zivilisten. Hinter dem Feldherren auf seinem Streitwagen marschieren Liktoren, die das Zeichen römischer Macht, das Rutenbündel mit Beil schultern. Natürlich ist der Feldherr siegreich, denn über seinem Wagen fliegt Victoria, die Siegesgöttin. Die Szene in der Mitte des Frieses mit dem Stier stellt vielleicht eine Opferszene dar. Später sind wieder römische Legionäre mit Feldzeichenträgern zu sehen, die sich dem Triumphbogen am Ende des Stuckfrieses nähern.

In einer der Bogennischen steht die Statue der Glücks- und Schicksalsgöttin der römischen Mythologie Fortuna (hier links mit dem großen Füllhorn) und ihr Pendant aus der griechischen Mythologie Tyche (hier rechts mit dem kleineren Füllhorn). Zwischen ihnen die bekannte und oft kopierte Darstellung der verwundeten Amazone.

Außerdem stehen im Braccio Nuovo eine schöne Athenastatue, hier als Minerva Giustiniani und eine Gewandstatue der Pudicitia. In den Kapitolinischen Museen steht die Personifikation der Schamhaftigkeit gegenüber der Statue der Göttin der Liebe Aphrodite. Tja, Ausstellungsmacher haben auch Humor. Bemerkenswert finde ich noch die Statue der Clemenza – sie verkörpert die Milde, den Großmut und die Nachsicht – und die Statue der Selene, der Mondgöttin der griechischen Mythologie. Sie erinnert mich an eine ähnliche Statue im Neuen Museum in Berlin.

Für das Fotografieren nicht so schön, ist der körnige Marmorputz, mit dem die Bogennischen für die Statuen ausgekleidet sind. Es sieht auf Fotos immer etwas nach Bildrauschen aus.

Für mich das Highlight der Statuen im Braccio Nuovo ist die überlebensgroße Panzerstatue des ersten römischen Kaisers Augustus. Benannt wurde sie nach ihrem Fundort in Prima Porta, einem nördlichen Stadtteil Roms. Der Augustus von Primaporta ist eine Marmorkopie des Bronzeoriginals, das wohl der römische Senat um 20 v. Chr. anfertigen ließ. Der Primaporta-Typus wurde für Porträts des Augustus zum vorherrschenden Darstellungsstil.

Einen andern römischen Kaiser stellt eine weitere Panzerstatue dar: Kaiser Domitian. Er war der dritte und letzte Kaiser aus dem Geschlecht der Flavier. Womöglich zeigte die Statue einmal Kaiser Nero, denn der Kopf wurde ausgetauscht oder umgearbeitet. In der Ausstellung der Kieler Antikensammlung wird gezeigt, wie die antiken Bildhauer das seinerzeit gemacht haben. Auch Domitians Vater, Kaiser Titus, ist mit einer Statue vertreten. Er ist nicht als Feldherr, sondern durch einer Togastatue, der Tracht des römischen Bürgers, dargestellt. In der Hand hält er eine Papyrusrolle. Und um auch den dritten Kaiser der flavischen Dynastie zu nennen: Kaiser Vespasian war der erste aus der Familie, der Kaiser wurde und er ließ das Kolosseum bauen.

Im Braccio Nuovo ist noch eine schöne Statue der Diana Lucifera ausgestellt. Sie wurde wohl aus einer Statue der griechischen Göttin der Jagd Artemis umgearbeitet. Ergänzt wurden beide Arme und die Fackel. Zu den Attributen der Artemis gehört eigentlich der Bogen. Auf ihrem Rücken trägt sie noch den Köcher für die Pfeile.

In der Mitte des langes Ganges des Braccio Nuovo öffnet sich eine halbrunde Exedra mit einer Kolossalstatue des Nils und weiteren Skulpturen. Der Fluss Nil ist als ein seitlich liegender Greis mit einem an Früchten reichen Füllhorn in der linken Hand und Getreideähren in der rechten Hand dargestellt.

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Die Skulptur Allegorie des Nils im Zentrum der Galerie Braccio Nuovo mit Kuppelgewölbe und Oberlicht
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Skulpturen in der Exedra des Braccio Nuovo

Die Kolossalstatue wurde im 16. Jahrhundert auf dem Gelände des antiken Marsfeldes gefunden, wo sie wahrscheinlich den sogenannten Iseum Campense schmückte, der den ägyptischen Göttinnen Isis und Serapis geweiht war. Der Isiskult war einer der im römischen Reich beliebten und weit verbreiteten Mysterienkulte. Mit den römischen Legionären gelangte er bis nach Germanien und Britannien.

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Mein Überblick zu den Antikenmuseen in den Vatikanischen Museen.

Vatikanische Museen
Viale Vaticano, Rom

Aktuell bis 3. Mai 2021 geschlossen.

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